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Übersicht Riemann: Klavierschule op.39
 
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Riemann: Klavierschule op. 39,1

Kap. 11 [Seite 4 von 12]

Da, wie bereits angedeutet, jede Phrase nur einen Gipfelpunkt, also nur ein Crescendo und ein Decrescendo hat (abgesehen von den kleinen vom Steigen und Fallen der Tonhöhe abhängenden Schwankungen der Dynamik), so ist die Zahl der Taktmotive, welche zu einer Phrase zusammengezogen werden, keineswegs von der Willkür abhängig. Aus leicht ersichtlichen Gründen sind die ein Thema beginnenden Phrasen regelmässig kurze, und erst im weiteren Verlauf bauen sich längere auf. Denn zunächst <49> müssen wir für unsere Auffassung an kleineren Gebilden einen sicheren Halt gewonnen haben, ehe wir grössere verstehen. Besonders Beethoven ist Meister in der successiven Erweiterung der Phrasen; fast immer stellt er zwei kurzen (1-2taktigen) beginnenden sogleich eine Phrase doppelter Länge gegenüber und weiss oft genug die Spannung auf das vier- und noch mehrfache auszudehnen.

Das worauf es in erster Linie beim Versuch korrekter Abtheilung der Phrasen ankommt, ist die richtige Erkenntniss der Ausdehnung der ersten (kurzen) Phrasen; zu Anfang wird meist ein einfaches Taktmotiv eine Phrase vorstellen, oder aber ein Doppeltaktmotiv, d.h. ein Takt zusammengesetzter Art (4/4, 6/8, 9/8, 12/8 etc.) Im letzten Satz der Sonate op. 10 No. 3 von Beethoven sind die beginnenden Motive nur scheinbar kürzer als ein Takt:

Notenbeispiel S. 49, Nr. 1

dann natürlich müssen die Pausen zwischen der ersten und zweiten Figur mitgerechnet werden und zwar, solange nicht ein zwingender Grund für eine andere Auffassung vorliegt, zur ersten Phrase, die dann gerade einen Doppel-Takt von 4 Zähleinheiten umfasst; der 4/4 Takt ist also als zusammengesetzt aus 2 mal 2 anzusehen, die metrischen Füsse (Taktmotive) umfassen je 2 Viertel

Notenbeispiel S. 49, Nr. 2

(man stelle sich z.B. vor, dass das zweite Taktmotiv statt durch Pausen durch eine Wiederholung des Motivs in der tieferen Oktave ausgefüllt wäre); den dritten und vierten Takt füllt sodann das Motiv doppelter Länge, das durch zwei Fermaten noch weiter aufgehalten ist.