Home | Impressum
KölnKlavier · Themen
Startseite

Chr.Fr.D. Schubart: Ästhetik der Tonkunst

Telemann, Georg Philipp

<175> Telemann. Er studierte Theologie; aber sein musikalischer Originalgeist bäumte sich weit über den Theologen hinaus. Von der Natur mit Genie ausgerüstet, cultivirte er die Tonkunst unter den besten Meistern. Er durchreiste Welschland und Frankreich, hohlte allenthalben Nahrung für seinen Geist, ohne sein eignes Gepräge zu verlieren. Als er nach Deutschland zurückkam, wurde er Capellmeister in Hamburg – und hier begann die Epoche seiner Größe. Er schwang sich bald zu einem der ersten Tonsetzer Europens empor. Im Kirchenstyle besonders hatte er seines Gleichen nicht: Tiefsinn, <176> Psalmenflug, Höhe, Würde und Majestät waren bey ihm mit einem Herzen vereinbart, das ganz von der Religion durchdrungen war. Seine vielen Kirchen-Jahrgänge sind ein unbezahlbarer Schatz für die Tonkunst. In seinem mittlern Alter neigte er sich, von Lully's Beyspiel verführt, etwas zum französischen Satze; doch lenkte er bald wieder ein: denn die Verirrungen des Genies dauern nicht lange. In seinen letztern Werken ward er ganz deutscher Mann. Correcter konnte niemand schreiben als Telemann; doch nagte die Correctheit nicht am zarten Sproß der Melodie. Wenige Meister waren reicher an melodischen Gängen, als er. Seine Recitative sind Muster, die der Künstler studieren muß. Seine Arien – meist mit wenigen Instrumenten besetzt, thun die größte Wirkung. Die Bässe sind so meisterhaft bearbeitet, und so regelmäßig beziffert, daß er hierin noch von niemand übertroffen wurde. Am größten war Telemann in Chören; man hat Hallelujas und Amen von ihm, welche das Aufjauchzen und den Jubel der himmlischen Chöre so nachahmen, daß die gefrorenste Seele dabey aufthauen, und sich in Empfindung ergießen muß. Wie er die Choräle setzte und begleitete, wie voll seine Harmonien, wie glücklich seine Modulationen waren – das wissen nur diejenigen zu beurtheilen, die über Originalwerke Richter seyn können. Er hat verschiedene Oratorien, Cantaten und dergleichen gesetzt, die jetzt wie Gemmen aus den Zeiten des Dioskorides gesammelt werden. Seine Kammerstücke sind bey weitem nicht von diesem Werthe; denn ob er sie schon alle mit der äußersten Gründlichkeit <177> bearbeitete, so sind doch Producte dieser Art viel zu sehr der Mode unterworfen, als daß sie lange dauern könnten. Telemann war für die Kirchenmusik geschaffen, und hierin ist er der erste Lehrer Deutschlands geworden. Wo Kirchenmusik ist, da hallen seine Erfindungen wieder. – Sein Geist blieb bis ins graueste Alter immer groß und lebhaft. Er führte noch im achtigsten Jahre ein Passionsoratorium auf, worin die volle Stärke seines Genius flammte. Die größten Dichter seiner Zeit, Richey, Brokes und Hagedorn arbeiteten für ihn. Er fühlte die Macht der Poesie so tief, daß er bey Lesung der ersten Gesänge der Messiade weinte, daß solch ein Dichter nicht für ihn gearbeitet hätte. Kurz vor seinem Ende entschloß er sich noch, einen Hymnus aus der Messiade in Musik zu setzen. Aber er starb, – und lauscht nun den Chören der Engel.