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Chr.Fr.D. Schubart: Ästhetik der Tonkunst

[Gluck]

<224> Gluk. Ein von allen drey großen Schulen in Europa bewunderter Mann, der sich zum Rang eines musikalischen Epochenmachers aufschwang. Er setzte Anfangs simple Clavierstücke, die nur wenig Sensation machten: mit einmahl aber wagte er sich an eine Oper, und ganz Italien staunte. Seine Alceste wurde zuerst in Florenz, dann zu Venedig und Neapel mit einem Beyfalle aufgeführt, der an Manie gränzte. Immer gleiches, durch die ganze Oper fortloderndes Feuer, kühne und ungewöhnliche Sätze; dithyrambische Fantasieflüge, starke Modulationen, schöne, nur nicht immer richtige Harmonien, tiefes Verständniß der Blas-Instrumente, die er weit häufiger und wirksamer als irgend ein Tonsetzer anzubringen weiß; dieß sind Gluks Charakterzüge in der ersten Periode seines Lebens. – Auf einmahl warf er sein bisheriges System über den Haufen, und wälzte den großen Gedanken in seiner Seele: Die ganze Musik zu reformiren. Er fand, daß die heutige Tonkunst mit <225> vielen unnöthigen Verzierungen überladen sey: er wollte ihr also ihren Flitterstaat nehmen, und sie wieder ins Gewand der Natur kleiden. Die Musik so sehr zu vereinfachen, als es irgend möglich ist – war der Hauptgedanke des neuen Glukischen Systems. In diesem neuen Geschmacke schrieb er die berühmte Oper Iphigenie. – Noch nie hat eine Oper so viel Aufsehen erregt als diese. Die Kunstrichter Frankreichs und Deutschlands lobten und tadelten sich heiser; und Lob und Tadel war übertrieben. Ganz Paris spaltete sich damahls in zwey große Parteyen: in die Glukische und Piccinische. Gluks Oper wurde zwölfmahl hinter einander mit unbeschreiblichem Beyfall gegeben. Die Chöre gränzen ganz nahe an unsern Chorel. Die Arien sind ohne alle Verzierung: ohne Coloraturen, ohne Fermen, und ohne Cadenzen: es ist gleichsam mehr Declamation als Musik. – Es macht den Franzosen viel Ehre, daß sie eine so simplificirte Musik in wenig Jahren achtzigmahl hören konnten. Doch frägt sichs: Ist Gluk in seinem Systeme nicht zu weit gegangen? Hat er nicht Declamation mit dem Arioso vermischt? Nicht die Musik ihres nöthigen Schmuckes beraubt? – Polyhymnia soll nun freylich nicht im Flitterstaate einher stolziren; aber mutternackt soll sie auch nicht gehen. – Forkel in seiner musikalischen Bibliothek hat diesen für die Tonkunst äußerst wichtigen Streit mit Gründen und Gegengründen so stattlich beleuchtet, daß ich den Leser auf diese Recension der Glukischen Iphigenie hinweise, nur mit der Warnung, Forkeln als eine zu ängstlichen <226> Anhänger an die Berlinerschule zu betrachten: denn diese Anhänglichkeit verleitet ihn, dem großen Gluk zu wenig Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen. – Gluk ist unstreitig einer der größten Musiker, welche je die Welt hervorgebracht hat. Seine Ideen reichen alle ins Große, ins Weitumfassende. Klopstock ist so ganz der Dichter für seinen erhabenen Geist; seine Hermanns-Schlacht ist von Gluk so herrlich in Musik gesetzt worden, daß die Deutschen schwerlich ein erhabeneres Theaterstück besitzen als dieß. Wer es Gluk selbst spielen und singen hörte, gerieth in entzücktes Staunen.

Zugleich besaß dieser Meister ein ganz eigenes Geschick, Sänger und Sängerinnen abzurichten. Seine Nichte würde jetzt die erste Sängerinn in Europa seyn, wenn sie nicht ein Engel abgepflückt und auf seinen Armen in Himmel getragen hätte. – So groß der Geist Gluks im Tragischen ist; so arbeitete er doch zuweilen auch mit Glück im komischen Style: nur hält seine Riesenseele nicht lange in der Harlekinsjacke aus. Dieser seltene Mann hat auch verschiedene Abhandlungen in französischer, welscher, und deutscher Sprache über die Tonkunst geschrieben, die von seinem Feuergeiste, und seiner tiefen musikalischen Kenntniß zeugen. Mit dem hier Gesagten vergleiche man, was Riedel über den Charakter Gluks geschrieben hat.