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Chr.Fr.D. Schubart: Ästhetik der Tonkunst

[London]

<256> Die Kirchenmusiken zu London sind herrlich besetzt, wie man vom strömenden Reichthume dieses Volks nicht anders erwarten kann. Die Orgel in der Paulskirche ist eine der prächtigsten der Welt, und wird seit ihrem Bau immer von berühmten Meistern gespielt. – Die Britten sind große Kenner des Contrapunctes, empfänglich für jede schöne Melodie – ohne selbst dergleichen hervorbringen zu können. Da sie bekanntlich die tiefsten Forscher der Wahrheit sind, so haben sie mehr Theoretiker der Musik als Practiker: sie zergliedern zu viel, und suchen mehr den Lichtbegriff der Vollkommenheit, als den dunkeln Begriff der Schönheit.

[...]

<259> Die Concerte zu London sind allgemeiner, als in irgend einer Stadt der Welt. Man kann sie in öffentliche und Privatconcerte eintheilen. Die öffentlichen sind groß und außerordentlich stark besetzt: wer Kraft fühlt, läßt sich da hören. Wenn man sich erinnert, daß Händel und [Johann Christian] Bach diesen Concerten vorstanden; so hat man genug zu ihrem Ruhme gesagt, Das königliche Orchester besteht etwa aus siebzig bis achtzig Personen, worunter vollwichtige Meister sind.

<260> Unzählige kleinere Orchester gibt es so wohl zu London selbst, als in den Provinzen. Jeder Mylord, jeder große Handlungsfürst hält seinen musikalischen Hof, worunter oft Leute vom ersten Range sind. Die deutschen Künstler werden von den Britten so gesucht, daß sich unsere Virtuosen hundertweis expatriirt haben um daselbst ihr Glück zu machen. Die Opernbühne zu London ist eine der reichsten und besetztesten der Welt. Die ersten Tonsetzer, Sänger, Sängerinnen und Virtuosen in allen Instrumenten lassen sich im Göttersaale der brittischen Oper hören. Gabrieli verdiente sich 1782 einen einzigen Winter hindurch; wo sie sich auf dem Schauplatz zeigte, 30000 fl. deutsches Geld. – Hier möchte man zum Himmel blicken, und über die parteyische Wage seufzen, womit Menschenverdienste abgewogen werden. Mancher Weise verdarbte schon in England sein eignes Leben, indeß der weiche Trillerschläger Tausende verpraßte. So tief ist auch der Britte, der so hoch gerühmte europäische Denker, in den Schlamm der Sinnlichkeit versunken!

Der Notenverlag in England ist außerordentlich stark. Alle Meister der Welt haben hier Gelegenheit, unter den anlockendsten Vortheilen vor das Publicum hinzutreten, und entweder mit Jupiters Vogel Sonnenstrahl zu trinken, – oder wie ein Johanniswürmchen, mit Phosphorus getränkt, zu leuchten.