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Chr.Fr.D. Schubart: Ästhetik der Tonkunst

Vom Flügel oder dem Claviere.

<286> Das Clavier hat unter allen Instrumenten in unsern Tagen das größte Glück gemacht. Im vorigen, und in der ersten Hälfte des laufenden Jahrhunderts, fand man in ganzen Provinzen kaum einen Clavierspieler; jetzt spielt, schlägt, trommelt und dudelt alles: der Edle und Unedle, der Stümper und Kraftmann; Frau, Mann, Bube, Mädchen. Ja das Clavier ist sogar einer der wichtigsten Artikel in der modischen Erziehung geworden. Diesem allgemeinen Enthusiasmus hat auch das Instrument seine jetzigen großen Verbesserungen zu verdanken.

Um die Grundsätze des Claviers genau zu bestimmen, müssen die Claviere selbst vorher genau von einander unterschieden werden.

  1. Der Flügel, der entweder mit Rabenkielen, oder noch besser, aber freylich weit kostbarer, mit goldenen <287> Blechlein die Saiten juckt und schwingt, hat bloßen simplen Umriß; aber so deutlich marquirt, und so scharf gezeichnet, wie die Figur eines Knellers oder Chodowiecys ohne Schattirung. – Auf diesem Instrumente muß man zuerst reinen Vortrag lernen, oder welches eins ist, man übt die Faust in der richtigen musikalischen Zeichnung. Man darf nur mit der Hand wanken; so ist der Contur des Stücks auf diesem Instrumente verzerrt. Aus diesem wichtigen Grunde soll sich der Anfänger zuerst auf dem Flügel üben, eine geflügelte wohl gesetzte Faust erwerben, und sich im genauesten gemessensten Vortrage des Tonstücks zuvor befestigen, ehe er zu andern Clavierarten übergeht.

    Wer auf einem Friederizischen, Silbermannschen, oder Steinschen Flügel, (denn diese sind unter allen bisher bekannten bey weitem die besten) ein Stück rund vorzutragen gelernt hat, der wird auf andern Clavieren desto leichter fortkommen. Nur muß man nicht zu lange beym Flügel weilen; denn dieß Instrument ist mehr zum Allegro als zum Adagio, folglich mehr zur Kunst als zum Vortrag gefühlvoller Stücke schicklich.

  2. Fortepiano, dieses vortreffliche Instrument ist – Heil uns! – wieder eine Erfindung der Deutschen. Silbermann fühlte die Unart des Flügels, der entweder ganz und gar das Colorit nicht ausdrücken konnte, oder es durch Züge in allzu starken Contrasten ausdrückte, so tief, daß er auf ein Mittel dachte, Farben in den Flügel zu bringen. Er und seine Nachfolger kamen also auf die große Erfindung, das Forte und Piano ohne Züge <288> weil Züge nur aufhalten, bloß durch den Druck der Faust in der möglichsten Schnelligkeit hervor zu bringen. Wenn man das Mezzotinto noch ins Fortepiano bringen könnte; so wäre für den großen Flügelspieler kein Wunsch mehr übrig. Man hat seitdem dieses herrliche Instrument zu einer solchen Vollkommenheit gebracht, daß man nicht so wohl durch das Knie, womit man die Stärke und Schwäche der Töne ohne zu grimassiren modificirt, als viel mehr durchdie Schnellkraft der Finger den ganzen Zauber der Tonkunst lenken kann, Es gibt Fortepianos von 10, 12 bis 20 Zügen. Ja ein Edelmann in Mainz hat eins verfertiget, wo die Flöte, Geige, das Fagott, die Hoboe, ja sogar die Hörner und Trompeten, ins Fortepiano gezaubert wurden. Wenn das Geheimniß des Baues von diesem großen Erfinder der Welt kund gethan wird; so hat man ein Instrument, das alle andern verschlingt.

    Spath in Regensburg, Frick in Berlin, Silbermannn in Straßburg, Strouth in London, und vor allen andern Stein in Augsburg, machen jetzt die besten Fortepianos, die man kennt.

    Die Art dieses Instrument zu behandeln, ist vom bekielten Flügel sehr verschieden. Dieser erheischt bloß leise Berührung; das Fortepiano aber Abschnellung oder Abstreifung. Das musikalische Colorit kann hier so ziemlich, bey weitem aber noch nicht in all seinen Nüancen ausgedrückt werden.

  3. Clavicord, dieses einsame, melancholische, unaussprechlich süße Instrument, Wenn es von einem <289> Meister verfertiget ist, hat Vorzüge vor dem Flügel und dem Fortepiano. Durch den Druck der Finger, durch das Schwingen und Beben der Saiten, durch die starke oder leisere Berührung der Faust können nicht nur die musikalischen Localfarben, sondern auch die Mitteltinten, das Schwellen und Sterben der Töne, der hinschmelzende unter den Fingern verathmende Triller, das Portamento oder der Träger, mit einem Wort, alle Züge bestimmt werden, aus welchen das Gefühl zusammengesetzt ist. Wer nicht gerne poltert, rast, und stürmt; wessen Herz sich oft und gern in süßen Empfindungen ergießt, – der geht am Flügel und Fortepiano vorüber, und wählt ein Clavicord von Fritz, Spatz [sic!], oder Stein. – Daher gibt es sehr viele Flügel- und Fortepianospieler; aber äußerst wenige Clavieristen.

    Die Clavicorde haben heutiges Tages fast ihren Gipfel erreicht: sie sind von fünf bis sechs Octaven, sind gebunden und ungebunden, mit und ohne Lautenzüge; und kaum scheint für den fühlenden Spieler, diesem Instrumente noch eine Vollkommenheit mitgetheilt werden zu können.

  4. Pantalon. Ein Zwerg vom Fortepiano. Da er zu sehr blechelt, so ist das Instrument ewig unfähig, in der musikalischen Republik Ton anzugeben. Das Tractament dieses Instruments ist: leise Berührung. Da es bloß Tangenten hat, die aus Hämmerchen oder Tocken bestehen; so muß es mehr geschnellet, als durchgeknetet werden. Die Vibration läßt sich hier am vollkommensten ausdrücken: allein alle Empfindungen scheitern, <290> weil die Nüancen oder Mitteltinten fehlen. Das ewige Hüpfen nach Spatzenart, von einem Tone zum andern ohne Ausfüllung der Lücken; das Toben, Rasseln und Blecheln dieses Instruments, macht es für wenige Gesellschaften erträglich, und prophezeyet ihm sein nahes Ende.

  5. Harmonika. Der Erfinder dieser Clavierart war Franklin, eine von den Säulen, worauf sich die neue amerikanische Größe stüzt. Deutsche haben dieses Instrument vervollkommnet. Es besteht aus gestimmten Glasscheiben, oder Glocken, alle nach der Peripherie der Töne gestimmt. Durch das Reibem mit nassen Fingern wird der Ton von seiner ersten Entstehung bis zu seiner vollen Reife – in der höchsten Delicatesse hervorgebracht. Der gefühlvolle Spieler ist für dies Instrument ganz geschaffen. Wenn Herzblut von den Spitzen seiner Finger träuft; wenn jede Note seines Vortrags Pulsschlag ist; wenn er Reiben, Schleifen, Kitzeln übertragen kann, dann nähere er sich diesem Instrument, und spiele.

    Frick, ein Deutscher, hat es zur größten Vollkommenheit gebracht. Allein im Gebiethe der Tonkunst ist es nur provinciell, und verdient keinen weitern Wirkungskreis. Die zerbrechlichen Glocken, die außerordentliche Schwierigkeit der Stimmung; der hohle äußerst melancholische, und zur tiefsten Schwermuth einladende Ton; die Schwere des Fortschritts von einer Glocke zur andern; die Unmöglichkeit nur ein mittelmäßiges Allegro darauf herauszubringen; der ewig heulende, klagende Gräberton – machen das Instrument zu <291> einer schwarzen Tinte, zu einem großen Gemählde, wo in jeder Gruppe sich die Wehmuth über einen entschlafenen Freund beugt.

  6. Melodika. Diese große Erfindung Steins füllt all' die angegebenen Mängel des Claviers aus. Es hat Mitteltinten (Schwebung) Zerfließungen der Töne, welche durch Stahlfedern an den Tasten angebracht sind, mit einem Worte ganz die Eigenschaften, daß es Sclavinn vom Spielen ist, ohne jemahls den Spieler zum Sclaven zu machen. Der Finger des Spielers herrscht als Zepter. Die Tangenten sind wie Brey, oder lassen sich zerkneten wie Teig. An der Claviatur dieses Instruments ist eine Stahlfeder angebracht, die der leisesten Berührung gehorcht. – Dieses Instrument würde beynahe das vollkommenste seyn, wenn es nicht ganz und gar auf Pfeifen reducirt wäre. Der höchste Vortrag besteht allein auf dem besten Vortrag des Flötenspielers, – und dann weiter nichts. – Es ist also ein Instrument, womit man nur färben, aber nie neue Melodien schaffen kann; – herrlicher Tusch, ohne Rücksicht auf gute Zeichnung [Fußnote: Der Erfinder hat selbst eine gedruckte Beschreibung davon bekannt gemacht.].

Die übrigen Abartungen von den Claviercorden und den Clavieren, z.B. das näselnde Schnarrwerk die Portativ-Claviere, die Positive, verdienen aus dem Grunde keiner Bemerkung, weil sie wahre Kenner nie geschätzt haben. Ob aber noch eine neue Clavierart möglich sey? das ist eine Frage, die ein musikalischer Baco auflösen muß. Möglich ist sie. Die Bedürfnisse des spielenden Genies müssen dieß entscheiden.