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Chr.Fr.D. Schubart: Ästhetik der Tonkunst

Von der Applicatur, oder dem Fingersatze.

<292> [...]

<293> [...] Hier sind einige der ewigen Grundgesetze, welche den Clavierspieler leiten – und ewig leiten müssen.

  1. Zögling des Claviers! lies richtig! – kannst du dieß, so kannst du alles.

    Die Kunst zu lesen ist aber so gross, hat so unendliche Modifikationen, dass es äusserst schwer ist, über selbige zu stammeln. Doch ich will einige Würfe wagen, und dem ästhetischen Vortrage des Claviers eine Sprache leihen.
     
  2. Erst übe man sich im grammatischen Vortrage und treffe die musikalischen Pulse aufs genaueste. Man umschreibe das Gerippe des Stücks, bestimme alle Gränzlinien der Melodik aufs richtigste, und spreche mit philosophischer Kälte nach, was der Tonsetzer vorsprach. Dann übe man sich im Vortrage selber. Ist er komisch; so schneidet man ab, und leckt mit den Fingern gleichsam die Tasten.
     
  3. Die Faust muss immer brilliant seyn; die Finger halbrund und sanft gebogen. So bald sie sich strecken; so sind alle Nerven straff, und kein schneller Vortrag lässt sich denken. Ist aber der Vortrag tragisch, so wird nichts abgestossen, sondern alles abgeschleift. Die Töne zerfliessen unter den Fingern – sie beben, zittern, leben, sterben.
     
  4. Caloraturen [sic!] im Adagio sind Unsinn, so sehr die Mode diesen Unsinn authorisirt. Man glaubt ruhende Tasten durch Schnörkel beseelen zu wollen, aber Schnörkel <294> beseelen nie, sie tödten die Bebung der Träger; der Mordent, der halbe und ganze Triller, die Fermen und die Cadenz müssen mit ausnehmender Grazie vorgetragen werden. Um die Faust brilliant zu erhalten, muss der Daumen immer sein Zauberspiel spielen. Dieser wichtige Finger setzt in Thälern oder in niedern Tasten an, und lässt die andern Finger auf Hügeln tanzen. – In dieser Bemerkung liegt der ganze Zauber der Applicatur.
     
  5. Um aus allen Tönen spielen zu können, muss man sich frühzeitig im Hinaufsetzen und Hinuntersetzen üben. Zum Beyspiel: eine welsche Arie geht aus D dur; wie schnell ist sie in A dur zu verpflanzen, wenn wir uns den Bassschlüssel denken! Daher ist die Wichtigkeit der Schlüssel so gross, dass der wahre Clavierist nie fehlen kann, wenn er sie immer gegenwärtig hat. Ist z. B. C der Grundton, und die Gemeinde zieht um einen halben Ton, so denke ich mir gar leicht die Bezifferung Cis; fällt aber die Gemeinde, so denke ich mir lauter B in der musikalischen Charakteristik. Mit einem Wort: jede Erhöhung oder Vertiefung lässt sich durch Schlüssel bestimmen. Darum bat Vogler ganz Unrecht, wenn er durch sein System so viele Schlüssel aus der Musik ausrottet, und damit allen Clavier- und 0rgelspielern, den Zauberstab der Umwandlung – oder des Uebertritts in andere Töne aus den Händen windet.
     
  6. Der Vortrag auf dem Claviere überhaupt theilt sich ein in Solo oder in Begleitung.