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Türk: Klavierschule

Einleitung

Didaktik des Anfangsunterrichts [§ 21-22]

<12> §. 21. Der Lehrer wähle anfangs nur sehr kurze und leichte Stücke, damit der Anfänger, der außerdem viel zu merken hat, nicht eins mit dem andern vergesse, und zugleich die Lust zur fernern Erlernung der Musik verliere. Da er jetzt wohl ohnedies an einem größern ausgearbeiteten Tonstücke, z.B. an einer guten Sonate, noch keinen Geschmack findet, so wird man ihm und dem Komponisten durch die Wahl solcher Stücke eben keinen großen Dienst erzeigen.

Einige sonst verdiente Männer rathen hierin zwar das Gegentheil: allein wahrscheinlich haben sie nur sehr wenige Anfänger, oder doch nur solche, unterrichtet, welche mit außerordentlichen Talenten einen unermüdeten Fleiß verbanden; und bey diesen muß man freylich eine Ausnahme machen. Haben aber alle die, welche etwas Musik lernen wollen, die genannten Eigenschaften? Will nicht jeder, Lernende, oder doch der größere Theil derselben, bald das Vergnügen haben, etwas spielen zu können? Wird nicht eben dadurch, daß er bald einige Stücke nach feiner Art vortragen kann, die Lust zum Lernen ungemein unterhalten? Sollte das noch der Fall seyn, wenn man ihn gleich anfangs mit schweren Stücken martert? - Ganz etwas anders ist es aber, jemanden allzulange beym Leichten aufzuhalten, und gleich beym Schweren anfangen. Das erste ist allerdings nicht gut: aber das zweyte - taugt noch weniger. Man fängt ja in allen Sachen vom Leichten an; warum nicht auch in der Musik? Dem emsigen Scholaren kann der Lehrer immerhin schwerere Stücke geben; geschieht das aber bey Allen ohne Ausnahem, so dürfte dadurch Mancher abgeschreckt werden, das Klavier zu erlernen, weil er sich unüberwindliche Schwierigkeiten dabey vorstellt.

§. 22. Eben so unrecht ist es, wenn man den Lernenden etwas spielen läßt, wovon er noch keinen deutlichen Begriff hat. Jede Kleinigkeit muß ihm vorher, oder nach Umständen beym Spielen selbst, erklärt werden. Vorzüglich vortheilhaft ist es, wenn man sich mit ihm über das vorliegende Tonstück in eine kleine kritische Untersuchung einläßt, warum z.B. <13> jetzt diesen oder jenen Finger nimmt; hier und da untersetzt, überschlägt; diese Noten geschwinder spielt, als jene u.s.w. Wenn man ihm alles erklärt hat, so lasse man es alsdann zur Probe den Lernenden selbst noch einmal aus einander setzen; daraus wird man bald bemerken, ob er alles gefaßt hat, und worin es ihm noch am meisten fehlt. Auch lernt er dadurch zugleich selbst etwas vortragen, sich in der Kunstsprache ausdrucken, und seine Ideen ordnen. Dann und wann mache man ihm allenfalls einen ungegründeten Einwurf, und lasse sich von ihm widerlegen; wenn er nämlich dazu schon weit genug ist. Eben so kann man ihn die in jedem Takte enthaltenen Diskantnoten gegen die im Basse berechnen lassen, besonders wenn sie nicht gehörig unter einander stehen, [FN: ...] damit er die richtige Eintheilung derselben lerne.

Durch dergleichen Uebungen kann ein geschickter Lehrer in den ersten Monaten, worin ich den Schüler ohnedies nicht immer ganze Stunden hindurch ununterbrochen spielen lassen würde, vielen Nutzen schaffen; nur versteht es sich, daß man die Lernenden dadurch nicht irre machen darf. Es wird hierbey schon einige Kenntnis vorausgesetzt; die ganz Schwachen muß man daher noch damit verschonen.