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Türk: Klavierschule - Kap. 2, Abs. 1

II. Kapitel. Von der Fingersetzung.

1. Abschnitt. Von der Fingersetzung überhaupt. [§. 1-17]

<129> §. 1. [...]

§. 2. Die bequemste Fingersetzung, oder die, welche die wenigste Bewegung der Hände verursacht, ist überhaupt genommen die beste. Denn jede Regel, die nicht die Bequemlichkeit und zugleich den guten Anstand zur Hauptabsicht hat, ist <130> zweckwidrig und folglich schlecht. Man irrt also, wenn man die Regeln zur guten Fingersetzung für Dinge hält, wodurch das Klavierspielen erschwert wird; denn eben um dem Spieler die Ausführung zu erleichtern, haben Männer, welche im Praktischen selbst viel leisteten, oder denen wenigstens die anzuwendenden Vortheile bekannt waren, gewisse Regeln darüber festgesetzt.

Die erwähnte Bequemlichkeit muß aber nicht blos in der Einbildung, oder in einer gleichsam verjährten Gewohnheit bestehen. Denn es kann sich jemand auch an eine schlechte Fingersetzung gewöhnt haben, und diese nun bequemer finden, als jede bessere. Daß aber hier eigentlich nur von einer wahren, in der Natur gegründeten, Bequemlichkeit die Rede ist, darf kaum erinnert werden.

§. 3. [...] In Deutschland war Sebastian Bach, der größte Klavier= und Orgelspieler seiner Zeit, einer der ersten, welcher sich bemühete, eine zweckmäßige Fingersetzung, und vorzüglich den Gebrauch des vor ihm sehr vernachlässigten Daumens einzuführen. Diese damals noch wenig bekannte Fingersetzung ist es, welche C.P.E. Bach in seinem Versuch über die wahre Art das Klavier zu spielen zum Grunde legte, wodurch erdenn auch zur Verbreitung einer bessern Applikatur in Wahrheit ungemein viel beygetragen hat [FN: ...]. [...] Indeß ist doch die gute Fingersetzung und besonders der erforderlich Gebrauch des Daumens so allgemein noch nicht, als man erwarten sollte; ich werde daher in möglichster Kürze die hin und wieder zerstreuten Regeln hier aufnehmen, und diesen noch einige, vielleicht nicht allgemein bekannnte, Bemerkungen beyfügen.

[...]

<144> §. 16. Noch einige zum Theil sehr gewöhnliche Fehler wider eine oder die andere der obigen Regeln kann ich nicht ganz ungerügt lassen.

Seit Bach gezeigt hat, wie wichtig der Daumen beym Klavierspielen ist, gebraucht man ihn zwar mehr, als ehedem, aber doch nicht allgemein genug. Besonders vernachlässigen bejahrte oder an die ältere Fingersetzung gewöhnte Klaviersieler diesen, in den gegenwärtigen Tonstücken, ganz unentbehrlihcen Finger noch immer sehr häufig. [...]

Ganz fehlerhaft ist die Gewohnheit einiger Anfänger, welche auf Eine Taste zugleich [FN: ...] zwey Finger setzen, und sie auch beyde, bis nach verflossener Dauer der vorgeschriebenen Note, stehen lassen. Wahrscheinlich mag sie die Schwäche <145> ihrer Finger zu dieser fehlerhaften Applikatur verleiten. Allein so viele Kräfte erfordert das Klavier wohl schwerlich, daß nicht sogar ein Kind von acht Jahren einzelne Tasten mit Einem Finger niederdrücken könnte, das Instrument müßte denn ungewöhnlich hart zu spielen, oder vielmehr zu schlagen seyn. In diesem Falle hätte der Lehrer für ein ander Klavier zu sorgen; denn jene Fingersetzung, die einen sehr schädlichen Einfluß auf die ganze Spielart hat, darf er schlechterdings nicht erlauben.

Eben so fehlerhaft ist die Gewohnheit derer, welche, besonders in der linken Hand, beynahe alles mit Einem Finger spielen, z.B.

So unglaublich es Manchem scheinen mag, daß jemand sich an eine solche Fingersetzung gewöhnen könne, so gewiß ist sie mir mehrmals vorgekommen. Das Fehlerhafte derselben zeigen zu wollen, halte ich für überflüssig.

Noch andere Klavierspieler vermeiden es so viel als möglich, den vierten Finger auf eine Obertaste zu setzen. Dies heißt aber die Bequemlichkeit zu weit treiben. Man lasse sie oft aus Tönen mit drey bis vier Versetzungszeichen spielen, damit sie den erwähnten Finger gehörig üben müssen, und zugleich einsehen lernen, wie nöthig man ihn oft zum Anschlagen der Obertasten gebraucht.

[...]