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Türk: Klavierschule - Kap. 3, Abs. 1

III. Kapitel. Von den Vor= und Nachschlägen.

1. Abschnitt. Von den Vorschlägen überhaupt. [§. 1-10]

<200> §. 1. [...]

§. 2. Unstreitig sind die Vorschläge größtentheils ein Werk des Geschmackes; daher lassen sich nur mit großer Schwierigkeit allgemeine Regeln darüber festsetzen, weil der Geschmack, wie bekannt, wenigstens in Nebendingen sehr verschieden ist. [FN] Sollte man in streitigen Fällen - deren es in Ansehung der Vorschläge <201> viele giebt - sicher entscheiden können, so müßten wenigstens die größten Meister einerley Geschmack haben. Daß es aber in der Musik noch nicht so weit gekommen ist, lehrt die Erfahrung. Denn gewiß herrscht in den Werken eines Bach, Haydn, Mozart &c. nicht einerley Geschmack. Gesetzt aber, dies wäre bey allen großen Komponisten jeder Nation im Ganzen genommen der Fall: so würde daraus doch nicht folgen, daß sie bis auf den kleinsten Umstand zusammen treffen müßten. Wie nun alsdann, wenn Ein geschmackvoller Tonsetzer oder Schriftsteller über Musik da einen langen Vorschlag verlangt, wo ihn der Andere kurz, oder gar nicht, haben will? Und doch lassen sich allgemeine Regeln darüber nur von den praktischen Werken guter Tonsetzer abziehen.

Jedoch ich will keine weitläuftige Untersuchungen hierüber anstellen; denn gewiß wird es, nach dem Wenigen, was ich davon gesagt habe, nicht auffallend seyn, wenn ich in einzelnen Fällen meinem eigenen Geschmacke gefolget bin, und von den gegebenen Regeln verdienstvoller Tonlehrer abweichen zu müssen glaubte.

§. 3. Die Vorschläge werden als Verzierungen des unmittelbar darauf folgenden Tones angebracht, von welchem sie auch ihre Dauer erhalten (Siehe §. 9. ) Größtentheils pflegt man sie durch einzelne (kleine) Nötchen vor den gewöhnlichen größern Noten anzudeuten. [FN: ...] Man bedient sich der Vorschläge, um dadurch mehr Zusammenhang, Reiz, Lebhaftigkeit, fließenden Gesang &c. in ein Tonstück zu bringen, die Harmonie durch eingemischte Dissonanzen mannigfaltiger zu machen u.dgl.m. Gegenwärtig sind die Vorschläge ein ziemlich wesentlicher Theil der Musik, da man hingegen ehedem, als der Gebrauch der Dissonanzen nur selten war, die Vorschläge sehr sparsam anbrachte. [...]

<202> §. 4. Bey der Lehre von den Vorschlägen hat man vorzüglich zweyerley zu unterscheiden, nämlich:

  1. Wo kann ein Vorschlag angebracht weden?
  2. Wie muß ihn der Spieler eintheilen und vortragen?

Für das Erstere sorgen die mehrsten Komponisten selbst; denn sie fügen ihren, besonders für das Klavier geschriebenen, tonstücken gemeiniglich die nöthigen Vorschläge bey. Daher könnte diese Frage vielleicht ganz unbeantwortet bleiben. Da sichs jedoch zuweilen zuträgt, daß man einen Vorschlag nicht angedeutet hat, welchen ein mäßig geübtes Ohr ungern vermissen würde: so will ich nur einige Fälle nahmhaft machen, worin Vorschläge stattfinden können, wenn nicht andere Gründe, die im siebenten Paragraphen angezeigt werden sollen, dagegen sind.

[...] Vielleicht gewönne die Musik noch mehr, wenn alle lange Vorschläge, ihrer erforderlichen Geltung nach, durch gewöhnliche Noten angedeutet würden, wie es bereits von einigen Komponisten geschieht. Warum aber nicht alle Tonsetzer, wenigstens in zweifelhaften Fällen, sich dieser weit bestimmtern Schreibart bedienen, sehe ich nicht ein. Gewiß würde dadurch mancher Unrichtigkeit in der Ausführung vorgebeugt <203> werden. Fehlerhaft kann es doch wohl nicht seyn, ein Tonstück so aufzuschreiben, wie es gespielt werden soll. [FN] Wähle man zu den veränderlich langen Vorschlägen durchgängig die gewöhnlichen Noten, so könnten die unveränderlich kurzen Vorschläge ohne Bedenken durch kleine Nötchen angedeutet werden; denn alsdann wüßte jeder Spieler sogleich, wie er sie einzutheilen hätte. Jetzt müssen wir eine Menge Regeln und Merkmale haben, die am Ende dennoch nicht hinreichend sind, die dauer aller Vorschläge zu bestimmen.

§. 5. Wenn nach mehreren kurzen Noten eine etwas längere folgt, die auf einen guten Takttheil fällt und ein konsonirendes Intervall bezeichnet, so kann vor diesem länger auszuhaltenden Tone ein Vorschlag angebracht werden, und zwar von oben, wenn die vorige Note höher (a), von unten, wenn sie tiefer steht (b). Eben so findet ein Vorschlag statt zwischen absteigenden Terzen (c), vor einer wiederholten Note (d), bey auf= und absteigenden Sekunden (e), vor dem sogenannten Schlußtriller (f), vor der Schlußnote ganzer (g) und halber Tonschlüsse (h), besonders wenn (nach der oben gemachten Bemerkung) kürzere Noten vorher gegangen sind (i), vor Fermaten (k) usw.


<204> §. 6. Außer diesen Fällen giebt es noch eine Menge anderer, in welchen Vorschläge angebracht werden können. Jedoch wird dabey nicht nur ein geübtes Ohr, sondern auch Einsicht in die Setzkunst oder wenigstens Kenntniß vom Generalbasse und ein gebildeter Geschmack vorasugesetzt. Wer die erwähnten Eigenschaften und Kentnisse nicht besitzt, dem ist zu rathen, daß er, vorzüglich wenn mehrere Personen zusammen spielen, bey der simplen Ausführung bleibe. Ueberhaupt möchte man viele Spieler bitten, die Vorschläge sparsamer anzubringen, daEingie fast keine nur mäßig lange Note damit verschonen. Zwar wird der Vorschlag nich so bald ekelhaft, als jede andere Manier; aber überhäufte und zur Unzeit angebrachte Vorschläge sind dessen ungeachtet doch auch ganz zweckwidrig, und folglich auf keine Weise zu entschuldigen. [...]

<205> §. 7. Damit man aber einigermaßen wisse, wo Vorschläge übel angebracht wären, so will ich zur Warnung nun auch einige Fälle von dieser Art nahmhaft machen. [...]

§. 8. [...]

<206> §. 9. [...] Die Vorschläge werden, wie man sich gewöhnlich ausdrückt, nicht mit in den Takt eingetheilt, ob sie gleich auft von längerer Dauer sind, als die darauf <207> folgenden Noten (Hauptnoten) selbst; oder bestimmter: Ein Takt, in welchem Vorschläge enthalten sind, ist schon ohne diese Vorschläge vollzählig, daher muß irgend einer Note, nämlich der unmittelbar darnach folgenden, von ihrer Dauer so viel entzogen werden, als die Geltung des hinzu gekommenen Vorschlages beträgt. Z.B.

[... Auflösung:]

[...] Da aber die Vorschläge ihrer Geltung allemal von der folgenden Note erhalten, so dürfen sie auch nicht eher eintreten, als bis an ihrer Stelle die Hauptnote selbst eintreten würde. In der Kunstsprache sagt man: die Vorschläge fallen in die Zeit der folgenden Hauptnote.

Diejenigen kleinen Nötchen, welche ihre Dauer von der vorhergehenden Note bekommen, oder in die Zeit der vorigen Note fallen, heißen Nachschläge [Siehe §. 27.]

§. 10. Man pflegt die Vorschläge gewöhnlich in zwey Klassen zu bringen; in die erste gehören die veränderlich langen, in die zweyte aber die unveränderlich <208> kurzen Vorschläge. Unter der ersten Gattung versteht man diejenigen Vorschläge, welche eine längere oder kürzere Dauer bekommen, je nachdem sie vor einer längern oder kürzern Note stehen. Sie verhalten sich größtentheils wie Dissonanzen zu dem Basse &c. und kommen gewöhnlich nur vor anschlagenden Noten auf dem guten Takttheile &c. vor. In langsamer Bewegung finden sie auch wohl auf jedem Takttheile (oder Gliede) statt. [FN: ...]

Unter den unveränderlich kurzen Vorschlägen versteht man alle die, welche immer nur eine sehr kurze Dauer erhalten, die folgende Note mag nun ihrer Geltung nach lang oder kurz seyn. Diese unveränderlichen Vorschläge kommen nicht selten bey solchen Noten vor, welche auf den schlechten Takttheil oder nur auf durchgehende Taktglieder fallen. Uebrigens versteht es sich von selbst, daß die veränderlichen Vorschläge mehr vor langen, so wie die unveränderlichen mehr vor kurzen Noten angebracht werden.

Lang heißt ein Vorschlag, wenn er entweder die Hälfte oder einen noch größern Theil der Dauer der folgenden Note bekommt. So würde z.B. in langsamer Bewegung ein Vorschlag, welcher vor einem Sechzehntheile die Dauer eines Zweyunddreißigtheiles erhielte, noch immer lang heißen.

Kurz wird ein Vorschlag genannt, wenn er ohne Rücksicht auf die folgende Note, nur eine sehr kurze Dauer bekommt, und folglich vor einer ganzen Taktnote nicht merklich länger währet, als vor einem Achtel u.s.w.

Bey (a) folgen lange

und bey (b) kurze Vorschläge.

Die Dauer der Letztern läßt sich aber nicht bequem durch gewöhnliche Noten bestimmen. [...]

[...]