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Türk: Klavierschule

Kap. 3, Abs. 2

2. Abschnitt. Von den veränderlichen [langen] Vorschlägen. (Vorhalten). [§. 11-19]

<209> §. 11. Die Dauer der gewöhnlichsten veränderlich langen Vorschläge läßt sich durch folgende drey Hauptregeln bestimmen.

<210> Erste Regel:

Der Vorschlag bekommt die halbe Dauer der folgenden Noten, wenn diese in zwey gleiche Theile (Hälften) getheilt werden kann.

[...]

Bey dieser ersten Regel muß ich eine sehr nöthige Anmerkung machen. Viele Notenschreiber, auch wohl verschiedene Komponisten selbst, haben noch immer die üble Gewohnheit, alle Vorschläge, ohne Rücksicht der folgenden längern oder kürzeren Note, auf einerley Art, z.B. wie Achtel oder Sechzehntheile &c. zu schreiben [Fußnote: ...] obgleich diese kleine Nötchen bald den Werth eines Viertels, bald die Dauer eines Achtels u.s.w bezeichnen sollen. Man lasse sich daher, besonders bey geschriebenen Noten, nicht durch die Figur verleiten, einem Vorschlage vor einer halben Taktnote nur die Dauer eines Sechzehntheiles zu geben, wenn er so geschrieben sein sollte; es müßten denn Gründe dazu vorhanden seyn, von welchen weiter unten einige angezeigt werden sollen. [...]

§. 12. Zweite Regel:

Vor punktirten (dreytheiligen) Noten bekommt der Vorschlag zwey Theile, (d.h. die völlige Dauer der Note) für die Hauptnote selbst bleibt folglich nur ein Theil (oder die Dauer des Punktes) übrig. Z.B. <211>

Die nachstehende Ausführung bey (a) ist in gewissen Fällen z.B. in langsamer Bewegung, bey affektvollen Gedanken &c. ebenfalls nicht ungewöhnlich. Doch wählen sorgfältigere Komponisten, wenn sie diese Eintheilung haben wollen, die bestimmtere Schreibart bei (b).

Oft erfordert es die Einheit &c (oder ein in § 25 anzuzeigender Grund) von dieser zweyten Regel abzuweichen, und den Vorschlag vor einer punktirten Note nur ein Drittel der Dauer, die Hauptnote selbst aber zwey Theile gelten zu lassen, wie in diesem Beyspiele.

<212> §. 13. Dritte Regel:

Der Vorschlag bekommt die völlige Dauer der folgenden Note, wenn an diese eine gleich hohe (gewöhnlich kürzere) gebunden ist, z.B.

Auch alsdann befolgt man die obige Regelm wenn die erste von beyden Noten punktirt ist. Beyspiele dieser Art kommen sehr häufig im 6/8, 6/4, 9/8, 12/8 &c. Takte vor, nämlich:

Wider diese dritte Regel wird sehr oft verstoßen, ich will sie daher allen Lernenden angelegentlichst empfehlen.

[...]

<217> §. 18. Wenn nach einemn Vorschlage über der Hauptnote eine Manier steht (a), so behält der Vorschlag dennoch seine gehörige Dauer, und die Manier fällt in die Zeit der Hauptnote (b). Steht aber die Manier über dem Vorschlage (c), so wird sie auch beym Eintritte des Vorschlages gespielt (d). man verweilt nachher so lange, bis die Dauer desselben vorüber ist (e). Nur alsdann, wenn die Manier zwischen dem Vorschlage und der Hauptnote steht (f), wird de Manier erst nach dem Vorschlage d.h. kurz vor der Hauptnote angebracht (g).

Von den Manieren selbst im folgenden Kapitel.

§. 19. In Absicht auf den Vortrag aller der erwähnten veränderlichen Vorschläge hat man folgende Regeln zu beachten:

  1. Jeder veränderliche Vorschlag muß stärker angegeben werden, als der folgende (vermittelst einer Hauptnote angedeutete) Ton selbst, also ungefähr so: <218>

    Weil der durch die Hauptnote bezeichnete Ton schwach und gleichsam unvermerkt abgezogen wird, so nennt man diese Art des Vortrages den Abzug. (Auch wenn der Vorschlag ausgeschrieben ist, wie oben bey (a) und (b), bedient man sich der nur eben erwähnten Spielart.)

    Die Vorschläge fallen immer in die gute oder wichtige Zeit des Taktes, oder der jedesmaligen Note, daher müssen sie schon in dieser Rücksicht stärker angegeben werden, als der darauf folgende Ton. Sodann verhalten sich der oben gemachten Bemerkung nach, die mehrsten Vorschläge, zu dem Basse oder zu irgend einer andern Stimme, bald mehr bald weniger dissonirend. Da nun, dem guten Vortrage gemäß, (wie am gehörigen Orte erklärt werden soll, [Kap. 6, 2. Abschnitt] ) die Dissonanzen merklich stärker angeschlagen werden, als die konsonirenden Intervalle, so läßt sich auch hiervon die Anwendung auf die veränderlichen Vorschläge machen.

    Eine andere Frage aber ist die: ob sich diese Regel zugleich auf die kurzen Vorschläge bezieht. Hierüber sind die Meinungen der Tonlehrer verschieden. Einige z.B. Agricola, Bach, Marpurg &c. wollen alle Vorschläge, folglich auch die unveränderlich kurzen, stark vorgetragen haben; da hingegen [Leopold] Mozart das Gegentheil verlangt. [FN]

    [...]

  2. Jeder Vorschlag muß an den folgenden Ton geschleift (gezogen) werden, es mag ein Bogen darüber stehen (a), oder nicht (b). Fehlerhaft wäre als der Vortrag bey (d), dahingegen die bey (c) angezeigten beyden Arten der Ausführung, nach Umständen, richtig sind.

[...]