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Türk: Klavierschule

Kap. 5, Abs. 3

3. Abschnitt. Von den willkührlichen Manieren, oder den Zusätzen und Veränderungen, wodurch ein Tonstück verschönert werden kann. [§. 21-27]

<322> §. 21. Daß die §. 1. erwähnten Verzierungen und Zusätze, mit Einsicht, Geschmack und Auswahl angebracht, viel zur Verschönerung eines Tonstückes beytragen können, ist gar nicht zu leugnen. Aber auch in dieser Rücksicht kann des Guten sehr bald zu viel gethan werden. Man muß daher nur sparsam und am rechten Orte willkührliche Manieren anbringen. Besonders hat sich der Klavierspieler vor vielen Zusätzen zu hüten; denn bekanntermaßen kommen ohnedies in den Tonstücke für das Klavier gewöhnlich mehrere kleine wesentliche Manieren vor, als in den Arbeiten für andere Instrumente. Da nun das Verändern &c. <323> noch überdies viele Kenntnisse von der Harmonie, einen sehr gebildeten Geschmack, richtige Beutrtheilungskraft, Fertigkeit in der Ausübung, Sicherheit im Takte u.s.w. voraussetzt: so sollte billig nur ein wirklicher Meister, und auch dieser blos in einer glücklichen Stimmung dergleichen Manieren einmischen.

Ueber das unzeitige Verändernist schon verschiedentlich geklagt worden, unddoch war die Veränderungssucht vielleicht nie größer, als gegenwärtig. Denn so mancher blos mechanisch fertige Spieler, der übrigens gar keine Kenntnisse, ja nicht einmal die nöthige Erfindugnskraft besitzt, läßt seinen Fingern freyen Lauf, und wird jedem Zuhörer von Geschmack und richtigem Gefühledurch seine ganz zweckwidrigen Veränderungen und Zusätze äußerst lästig. Die Komponisten, deren Arbeiten unter die Finger solcher Spieler gerathen, sind in der That zu bedauern.

§. 22. Die Hauptfrage: Was kann eigentlich verändert werden? ist ohne große Weitläuftigkeit schwer, und vielleicht gar nicht vollkommen befriedigend, zu beantworten. Man merke aber, daß überhaupt billig nur solche Stellen (und zwar erst bey der Wiederholung eines Tonstückes) verändert werden sollten, welche außerdem zu wenig unterhaltend, folglich langweilig &c. seyn würden.Diese Stellen zu erkennen, setzt ein richtiges Gefühl voraus, ohne welches jede nur mögliche Regel über den schicklichen Gebrauch der willkührlichen Zusätze und Veränderungen wohl größtentheils fruchtlos seyn dürfte. Indeß werde ich doch §. 24. einige nähere Winke darüber geben. Für jetzt bemerke ich nur noch im Allgemeinen, daß man zwar auch beyder Wiederholung eines ALLEGRO u.dgl. hin und wieder eine Stelle zu verändern pflegt; jedoch werden größere Zusätze am häufigsten in Tonstücken von zärtlichem, gefälligem &c. Charakter in langsamer Bewegung, also vorzüglich im ADAGIO angebracht. (Die Ausnahmen siehe §. 24. Reg. 5.)

§. 23. [...]

<324> §. 24. Wer die oben erwähnten unumgänglich nothwendigen Erfordernisse, nämlich Geschmack, Kenntniß der Harmonie, Erfindungskraft u.s.w. besitzt, der hat außerdem, in Absicht auf die willkührlichen Verzierungen, ins besondere noch die nachstehenden Regeln zu befolgen.

  1. <325> Jede Veränderung muß dem Charakter des Tonstückes gemäß seyn. Hier kann das, was ich §. 14.2 deswegen erinnerte, größtentheils angewandt werden. Der Endzweck dieser Veränderungen ist im geringsten nicht, die Fertigkeit des Spielers zu zeigen, sondern dem Affekte mehr Stärke und Wahrheit zu geben.
  2. Die Veränderungen müssen daher von Bedeutung und wenigstens eben so gut seyn, als die vorgeschriebene Melodie.Im entgegen gesetzten Falle wäre es besser, ein Tonstück unverändert zu lassen.
  3. Man darf einerley Manieren, wären sie auch noch so schön und passend, nicht oft gebrauchen. Uebrigens versteht es sich, daß man die bessern Verzierungen und weitläufigern Zusätze bis gegen das Ende eines Tonstückes sparen muß. Damit nämlich die Aufmerksamkeit des Zuhörers, besonders bey längern Tonstücken, immer unterhalten und gleichsam aufgefrischt werde.
  4. Die Zusätze müssen ganz leicht und nicht mühsam gesucht zu seyn scheinen. Daher muß sie der Spieler nett und mit einer gewissen Ungezwungenheit vorzutragen suchen, wenn sie ihm auch noch so viele Mühe verursachen sollten. Wie viel eine ungezwungene (leichte) Ausführung zur Wirkung auf den Zuhörer beyträgt, wird im folgenden Kapitel gezeigt werden.
  5. Diejenigen Stellen, welche an und für sich schon vorzüglich schön oder lebhaft genug sind, so wie die Tonstücke, worin Traurigkeit, Ernst, edle Simplicität, feyerlich erhabene Größe, Stolz u. dgl. der herrschende Charakter ist, muß man mit Veränderungen und Zusätzen ganz verschonen, oder sie hierbey besonders sehr sparsam und mit gehöriger Auswahl anbringen. Es giebt gewisse Tonstücke oder einzelne Stellen, die so sprechend sind, die ohne allen erborgten Schmuck so mächtig auf das Herz des Zuhörers wirken, daß ein schöner, dem Charakter entsprechender Ton, das leise oder stärkere Anschlagen desselben u. dgl. die einzigen Mittel sind, wodurch in solchen Fällen der Ausdruck erhöhet werden kann.
  6. Der Takt muß auch bey den weitläufigsten Manieren im Ganzen auf das Genaueste gehalten werden [...]
  7. <326> Jede Veränderung muß auf die vorgeschriebene Harmonie gegründet seyn. [...]
  8. In Klaviersachen erlaubt man zwar auch den Baß zu verändern, doch muß die Grundharmonie beybehalten werden.

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