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Türk: Klavierschule

Kap. 5, Abs. 2 (a)

2. Abschnitt.

(a) Von den verzierten Kadenzen. [§. 11-16]

<308> §. 11. [...]

Im engern Sinne des Wortes Kadenz versteht man jetzt vorzugsweise darunter: die willkührlichen Verzierungen, wleche vor einem völligen Tonschlusse in der Hauptstimme angebracht, und unmittelbar vor der Schlußnote mit einem Triller geendiget werden. Diese schlechthin so genannten Kadenzen, mit einem Aufhalten des Taktes und der Begleitung, sind es also, worüber ich in dem gegenwärtigen Abschnitte einige Bemerkungen machen werde.

<309> Ehedem brachte man vor den Tonschlüssen blos solche kleine Verzierungen an, welche kein Aufhalten des Taktes &c. erforderten, wie etwa in dem nchstehenden Beyspiele a). Diese so genannten figurirten Kadenzen gefielen vermuthlich, man vergrößerte daher die Zusätze, und band sich dabey nicht mehr so streng an den Takt. Die Begleiter waren so gefällig, ein wenig nachzugeben, (zu verweilen,) bis endlich nach und nach unsre verzierten Kadenzen daraus entstanden sind. Ihren Ursprung setzt man in die Jahre 1710 bis 1716. [FN: ...] Das Vaterland derselben ist wahrscheinlich Italien.

§. 12. Ich würde nichts neues sagen, sondern schon oft geführte Klagen wiederholen, wenn ich mich gegen den sehr großen Mißbrauch der verzierten Kadenzen erklärte. Denn nicht selten scheint es, ein Konzert &c. werde blos der Kadenzen wegen gespielt. - Der Ausführer schweift dabey nicht nur in Absicht auf die zweckmäßige Länge aus, sondern bringt noch überdies allerley Gedanken darin an, die auf das vorhergegangene Tonstück nicht die geringste Beziehung haben, so daß dadurch der gute Eindruck, welchen das Tonstück vielleicht auf den Zuhörer gemacht hatte, größtentheils wieder wegkadenziert wird. Dieses Mißbrauches ungeachtet hat es doch viele Vertheidiger der Kadenzen gegeben, und noch giebt es deren viele. Selbst geschmackvolle Komponisten schreiben oft solche Verzierungen vor, oder bezeichnen wenigstens die Stellen, wo verzierte Kadenzen angebracht werden sollen. Außerdem rechtfertigen sogar scharfsinnige Philosophen aus Gründen, welchen sich wenig entgegen setzen läßt, den Gebrauch dieser Verzierungen; folglich ist nicht sowohl die Sache selbst, als vielmehr der Mißbrauch derselben zu ahnden. Um diesen Mißbrauch, wo möglich, etwas einschränken zu <310> helfen, will ich weiter unten die wichtigsten Erfordernisse einer guten Kadenz durch Regeln zu bestimmen suchen.

[...]

§. 14.

  1. Die Kadenz soll unter andern, wenn ich nicht sehr irre, vorzüglich den Eindruck, welchen das Tonstück gemacht hat, auf das lebhafteste verstärken, und die wichtigern Theile des Ganzen gleichsam in einem Abrisse oder äußerst gedrängten Auszuge darstellen.
    Ist dieser Grundsatz richtig, wo folgt daraus, daß viel Talent, Einsicht, Beurtheilungskraft &c. dazu gehört, eine Kadenz zu machen, welche den genannten Forderungen entspricht. Ferner würde folgen, daß man allenfalls einzelne vorzüglich wichtige Gedanken, zwar nicht ganz, aber doch auszugsweise, in die Kadenz einweben könne, wenn sie geschickt mit dem Ganzen verbunden werden. Uebrigens versteht es sich von selbst, daß eine solche Kadenz nur zu dem Tonstücke, für welches sie eigentlich bestimmt ist, und zu keinem andern, gebraucht werden kann.
  2. Muß die Kadenz, so wie jede willkührliche Verzierung, nicht so wohl aus geflissentlich angebrachten Schwierigkeiten, als vielmehr aus solchen Gedanken bestehen, welche dem Hauptcharakter des Tonstückes auf das Genaueste angemessen sind. Viele übrigens recht gute Spieler haben das schädliche Vorurtheil, man müsse in Kadenzen hauptsächlich große Fertigkeiten zu zeigen suchen. Daher mischen sie oft z.B. in Kadenzen zu einem ADAGIO von zärtlich traurigem Charakter die buntesten und <311> schwersten Passagen ein, da doch in diesem Falle blso wenige gut vorgetragene, simple Töne die abgezielte Wirkung thun. Man hüte sich also, eine lebhafte Kadenz in einem rührenden &c. ADAGIO anzubringen, oder nach einem ALLEGRO mit muntern Passagen eine matte Kadenz zu machen. Als einen Vortheil, wie verschiedene Charakter, im Ganzen genommen, am Besten ausgedrückt werden können, merke man, daß die Traurigkeit in tiefen, fast immer nur stufenweise folgenden, langen Tönen mit untermischten Dissonanzen fortschreitet. Die Freude &c. hingegen wird durch hohe, konsonirende, oft weit von einander entfernte Töne, (Sprünge,) durch geschwinde Passagen u. dgl. ausgedruckt.
  3. Die Kadenzen dürfen, besonders in Tonstücken von traurigem Charakter, nicht zu lang seyn. Im Gesange oder auf Blasinstrumenten soll eine Kadenz eigentlich nur so lange dauern, als der Athem des Sängers &c. zureicht. Auf besaiteten Instrumenten möchte zwar dieser Grundsatz nicht so strenge zu befolgen seyn; aber dessen ungeachtet sind doch die ungeheuer langen Kadenzen, welche nicht selten mehrere Minuten dauern, keinesWeges zu entschuldigen.
  4. Ausweichungen in andere, besonders sehr entfernte, Töne finden entweder gar nicht statt, z.B. in kurzen Kadenzen, oder sie müssen mit vieler Einsicht, und gleichsam nur im Vorbeygehen, angebracht werden. Auf keinen Fall sollte man in Töne ausweichen, worein der Komponist in dem Tonstücke selbst nicht ausgewichen ist. Diese Regel gründet sich, wie mich dünkt, auf die Gesetze der Einheit, welche bekanntermaßen in allen Werken der schönen Künste befolgt werden müssen. (Überdies soll die Kadenz, nach Reg. 1. nur eine kurze Dastellung des Ganzen seyn.) Ursprünglich lag bey den Kadenzen blos die Harmonie des Quartsextenakkordes und allenfalls des darauf folgenden Dreyklanges zum Grunde; alleine gegenwärtig möchte dieser harmonische Bezirk zu enge seyn. Man kann daher ausweichen; nur verweile man in Nebentönen &c. nicht zu lange, damit nicht das Gefühl des Haupttones verlösche.
  5. So wie die Einheit zu einem wohlgeordneten Gedanken erfordert wird, eben so nöthig ist auch die Mannigfaltigkeit, [FN] wenn der Zuhörer ausmerksam erhalten werden soll.Daher bringe man in Kadenzen so viel Unerwartetes und Ueberraschendes an, als nur immer möglich ist. <312> Daß dabey gegen die übrigen Regeln nicht verstoßen werden darf, wird man ohnedies errathen.
  6. Kein Gedanke, so schön er auch seyn mag, darf weder in eben dem Tone, noch in einem andern, oft angebracht werden. Weil nämlich bey der mehrmaligen Wiederholung eines Gedanken die Aufmerksamkeit des Zuhörers ebenfalls ermüden würde.
  7. Jede eingemischte Dissonanz muß, auch bey einstimmigen Kadenzen, gehörig aufgelöst werden. Dies ist sogar alsdann nöthig, wenn man die Harmonie langsam bricht. Ein mäßig geschultes Ohr wird fühlen, daß in diesem Beyspiele:
    nach dem f nicht c, sondern e hätte folgen sollen.
  8. Eine Kadenz braucht zwar nicht gelehrt zu seyn, aber Neuheit, Witz, Reichthum an Gedanken &c. sind desto unentbehrlichere Erfordernisse dazu. Man weiß den Endzweck der Kadenzen, und kann daher leicht begreifen, daß durch alltägliche Gedanken die Erwartung des Zuhörers wohl nicht befriediget werden möchte.
  9. Einerley Bewegung und Taktart darf man in der Kadenz nicht durchgängig beybehalten; auch müssen blos einzelne abgebrochene (nicht völlig ausgeführte) Sätze geschickt mit einander verbunden werden. Denn das Ganze soll mehr einer nur eben aus der Fülle der Empfindung entstandenen Fantasie, als einem regelmäßig ausgearbeiteten Tonstücke gleichen [FN]. (Doch hat man dabey die erste Regel nicht zu vergessen.) Die Bewegung und Taktart des vorhergegangenen Tonstückes kann zwar bey einzelnen Stellen der Kadenz füglich beybehalten werden, nur hüte man sich auch in dieser Rücksicht vor allzu großer Einförmigkeit. Bald ein singbarer Gedanke, bald ein lang ausgehaltener Ton, wobey man gleichsam erst auf die Folge denkt, nun eine dem Charakter des Tonstückes angemessene Passage - kurz Abwechselung, ich möchte sagen anscheinende Unordnung [FN], macht die Kadenz unterhaltend und zweckmäßig.
  10. <313> Aus dem Vorigen folgt, daß eine vielleicht mit noch so vieler Mühe auswendig gelernte oder vorher aufgeschriebene Kadenz doch so ausgeführt werden muß, als wären es blos zufällig und ohne Auswahl hingeworfene Gedanken, welche dem Spieler eben erst einfielen. Hiermit will ich nicht sagen, daß eine Kadenz auswendig gelernt werden müsse. Wer nicht hinlängliche Uebung, ein vorzügliches Gedächtniß und sattsame Gegenwart des Geistes hat, dem ist vielmehr zu rathen,daß er die Kadenz aufschreibe, und sie vor sich lege. Oft wird zwar eine Kadenz während der Ausführung erst erfunden [FN: ...], und wenn sie geräth, verdient der Spieler desto mehr Beyfall. Allein dies Unternehmen ist zu gewagt, als daß man vor einer zahlreichen Versammlung auf ein so glückliches Ungefähr rechnen sollte. Zumahl da wenigstens der größere Theil bey der Kadenz aufmerksamer ist, und in diesem kritischen Augenblicke beynahe mehr erwartet, als in dem ganzen vorhergegangenen Tonstücke. - Ich wengistens würde lieber den sicherern Weg wählen, und die Kadenz vorher entwerfen. Ob sie der Spieler eben erst erfindet, oder bereits entworffen hatte, kann der Zuhörer ohendies nicht wissen, vorausgesetzt daß die Ausführung so ist, wie sie seyn soll.

[...]

(b) Von den Doppelkadenzen. [§. 17-20]

<319> [...]