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Czerny: Briefe über den Unterricht

Sechster Brief.

Über die Auswahl der für jeden Pianisten geeignetesten Compositionen.

<44> Sie wünschen zu wissen, Fräulein, welche Compositionen Sie vorzugsweise spielen sollen, um so viel als möglich alles Gute in fortschreitender Ordnung kennen zu lernen; und es macht Ihrem Geschmack Ehre, dass Sie nicht nur die Lieblingsstücke der gegenwärtigen Zeit, sondern auch das Ausgezeichnete der frühern und ältern Meister studieren wollen.

Ihr würdiger Lehrer hat Ihnen bereits die zweckmässigen Etuden von Bertini, Cramer, u.a., so wie auch die vortreffliche grosse Scalenübung von Clementi anempfohlen, und es kann mich nur freuen, dass Sie auch mit einigen von meinen eigenen Beyträgen zur Beförderung der Geschicklichkeit, (nähmlich mit der Schule der Geläufigkeit, der Verzierungen, des Legato und Staccato, etc.) sich zu beschäftigen die Güte und die Geduld haben.

Die eben genannten Etuden haben grösstentheils bloss einen praktischen Zweck. Aber in der neuern Zeit sind unter demselben Nahmen grosse und schwierige Tonwerke von Chopin, <45> Herz, Hiller, Hummel, Henselt, Kalkbrenner, Thalberg, Liszt, Potter u.m.a. erschienen, welche ich Ihnen erst für einen spätern Zeitpunkt, wenn Ihre Geschicklichkeit schon eine sehr hohe Stufe erreicht haben wird, anempfehlen kann; denn die Meisten derselben sind grossartige Bravoursätze, welche mehr für das Produzieren, und für die schon sehr ausgebildeten Spieler, als für den Unterricht derjenigen berechnet sind, welche, wie Sie, Fräulein, noch manche Stufen zur Vollkommenheit zu erklimmen haben.

So nützlich diese Etuden überhaupt auch sind, so muss man doch von der Ansicht ausgehen, dass eigentlich jedes Tonstück, sey es eine Sonate, ein Rondo, oder Variationen, oder Fantasie etc., in seiner Art eben so gut eine Etude ist, und dass man, z.B. aus einem Concertstück oder aus einer brillanten Variation eben so viel Nutzen für die Fingerfertigkeit, - (oder aus einem sentimentalen Adagio, für den Vortrag,) - schöpfen kann, wie aus jenen Musikstücken welche wirklich Etuden heissen.

Die Autoren, welche Sie bis jetzt vorzugsweise studiert haben, waren zweckmässig: denn für die ersten Zeiten bedarf der Schüler solcher Tonstücke, welche eine leichtfassliche Anmuth und modernen Geschmack mit einem natürlichen, für die schöne Handhaltung berechneten Satze vereinigen, (wie zum Beispiel die leichtern <46> Werke von Bertini, Herz, Hünten, Kalkbrenner, Moscheles u.a.m.)

Aber nun haben Sie schon eine Epoche erreicht, wo auch die schwereren Werke sowohl der ebengenannten Meister wie jene von Hummel, Cramer, Dussek, Ries, Steibelt, sowie die leichteren des Beethoven, für Sie sehr passend und zweckmässig sind.

Im Laufe des nächsten Jahrs können Sie bey gleichem Fleiss und Eifer, leicht zu jener Stufe gelangen, wo Sie selbst die schweren Werke der neuen so wie der ältern Zeit nähmlich jene von Chopin, Thalberg, Liszt, Field u.a., so wie die Concerte von Hummel, Kalkbrenner, Moscheles und endlich die besten Werke von Mozart, Clementi Beethoven, Cramer, Dussek, Prinz Louis Ferdinand von Preussen u.s.w., mit dem besten Erfolge einstudieren und vortragen können.

Bey der Auswahl der Musikalien sind stets folgende Rücksichten zu beobachten:

  1. Dass man immer vom Leichtern zum Schwerern fortschreite.
  2. Dass man so viel als möglich die Werke aller guten Tonsetzer kennen lerne, und sich folglich nicht auf einige Lieblings-Autoren beschränke.
  3. Dass man durch das Einstudieren moderner Tonstücke stets mit dem Geschmack fortschreite.
  4. <47> Dass man nach und nach auch die klassischen und gediegenen Werke der früheren Zeit gründlich kennen lerne.

Jeder bedeutendere Tonsetzer muss, in einer besondern, ihm eigenthümlichen Weise vorgetragen werden. Bey Manchen ist die brillante, glanzvolle, kräftig-markirte Manier die Vorherrschende; bey Andern muss vorzugsweise ein gefühlvolles, ruhiges, gebundenes und weiches Spiel Statt finden; wieder Andere erfordern einen charakteristischen, leidenschaftlichen oder auch fantastischen, launenvollen Vortrag; und bey vielen Compositionen ist ein zartes, heiteres, tändelndes und anmuthiges Spiel an seinem Platze.

Endlich gibt es Tonstücke, welche alle diese verschiedenen Arten vereinigen, und daher den Spieler zu einer entsprechend abwechselnden Ausführung derselben nöthigen.

So z.B. erfordern Hummel's Compositionen ein äusserst geläufiges und dabey perlendes Spiel, welches durch das, Ihnen aus der Schule bekannte leichte Abrupfen der Tasten hervorgebracht wird. Bey Beethoven's Werken würde diese Manier nur äusserst selten passen, indem da grosse charakteristische Kraft, tiefe Empfindung, oft auch fantastische Laune, und ein theils sehr gebundenes, theils sehr markirtes Spiel erforderlich sind.

Nichts ist wichtiger, als ein richtiges Errathen <48> des vom Autor gewünschten Tempo. Ein Tonstück, das man zu geschwind oder zu langsam vorträgt, verliert alle seine Wirkung und wird ganz entstellt. Wo das Tempo nicht durch das Mälzel'sche Metronom bezeichnet ist, muss der Spieler auf die italienischen, das Zeitmaass bezeichnenden Worte (wie Allegro, Andante, Moderato, Presto etc.) und auf den Charakter des Tonstückes sehen, und nach und nach durch Erfahrung deren wahre Bedeutung kennen lernen.

Nicht minder wichtig ist die richtige Benützung des Pedals, und ich bitte Sie, Fräulein, alles was ich in meiner Schule hierüber sagte, genau zu beachten. Bey gehöriger Anwendung des Forte- oder Dämpfung-Pedals kann der Spieler Wirkungen hervorbringen, als ob ihm 4 Hände zu Gebothe stünden. Aber zur Unzeit angebracht, bewirkt das Pedal ein widriges unverständliches Gebrause, welches dem Gehör so hässlich vorkommt, wie etwa dem Auge eine Schrift auf nassem Papier.

Ich habe schon gesagt, wie wichtig ein fortschreitender Stufengang bey der Wahl der Tonstücke für den Schüler ist, und muss hierüber noch Folgendes beyfügen.

Jeder Tonsetzer, so wie jeder Virtuose, gründet seine Kunst und Wissenschaft auf das, was bereits seine Vorgänger geleistet haben, indem er zugleich die Erfindungen seines eigenen <49> Talents hinzufügt. Durch diese natürliche Steigerung ist es aber auch erklärbar, dass die Compositionen der neuesten Zeit und der jetzt blühenden grossen Pianisten in vieler Hinsicht, weit schwerer auszuführen sind, als frühere, und dass derjenige, der dieselben studieren will, dazu grosse Vorkenntnisse und eine sehr ausgebildete Fertigkeit bereits besitzen muss.

Nun begehen sobald aber viele Schüler den Fehler, dass sie, sobald ihre Finger einige Fertigkeit erlangt haben, sich sogleich, durch den Reitz der Neuheit verführt, an die schwierigsten Compositionen nagen wollen. Mancher, der noch kaum der Scalen gehörig mächtig ist, und der noch jahrelang Etuden und leichtere zweckmässige Tonstücke studieren sollte, will schon Hummel's Concerte oder Thalsberg's Fantasien vortragen!

Die natürliche Folge dieser Voreiligkeit ist, dass ein solcher Spieler durch die Vernachlässigung des vorbereitenden Studiums stets unvollkommen bleibt, viele Zeit verliert, und endlich weder Schweres noch Leichtes lobenswürdig auszuführen im Stande ist.

Dieses ist die wahre Ursache, wesshalb wir, -(ungeachtet so viele junge Talente sich dem Fortepiano widmen,) dennoch an guten Spielern verhältnissmässig noch gar nicht so reich sind, als sonst ohne Zweifel der Fall wäre, - und wesshalb so viele, bey den besten <50> Anlagen, und oft bey ungeheuerem Fleisse, doch stets nur mittelmässig bleiben.

Manche andere Schüler haben den Fehler, dass sie über den Werth und die Schönheit einer Composition urtheilen wollen, ehe sie im Stande sind dieselbe gehörig vorzutragen. Daher kommt es, dass ihnen manches vortreffliche Tonstück hässlich scheint, während die Schuld doch nur daran liegt, dass sie es stotternd, unrein, unzusammenhängend durchspielen, oft auf misstönenden Accorden stecken bleiben, das Tempo verfehlen, u.s.w.

Sie sind gewiss auch oft in diesem Falle gewesen, Fräulein, und ich wette, dass Sie bisweilen ein Tonstück, welches Ihnen nicht gleich recht viel Unterhaltung versprach, ungeduldig bey Seite legten. Auf diese Art würden Sie aber in der Folge gerade den schönsten Genuss entbehren müssen, den die geistreichen und tiefgedachten Werke grosser Meister darbiethen, wenn man die Geduld hat, die Schwierigkeiten zu überwinden, welche davon meistens unzertrennlich sind.

Hiezu gehören vorzüglich die Sätze im sogenannten strengen Style, wie z.B. die Werke von Händel, Bach, und andern Meistern dieses Fachs. Zum Vorträge solcher mehrstimmigen oder fugirten Tonstücke und einzelnen Stellen, (die man auch häufig in den modernsten Compositionen antrifft), gehört ein strenges Legato, <51> ein sehr fester und gleicher Anschlag, ein deutliches Herausheben jeder einzelnen Stimme; und zur Erlangung alles dessen eine besondere Fingersetzung, welche von der Gewöhnlichen meistens sehr abweicht, und vorzüglich darin besteht, dass man auf einer Taste geschickt und schnell mehrere Finger nacheinander einsetze, ohne die Taste ferner von Neuem anzuschlagen.

Durch dieses Einsetzen werden die 5 Finger gewissermassen ins Unendliche vermehrt, und man ist im Stande, jede einzelne von den vier Stimmen, aus welchen solche Sätze meistens bestehen, so gebunden und gesangvoll vorzutragen, als ob man eben so viele Hände besässe.

Ich bitte Sie, Fräulein, alles was ich im 2. und 3. Theil meiner Schule über alle diese Gegenstände gesagt habe, recht wohl zu studieren, und sowohl Ihren Fingern wie Ihrem Gedächtnisse gut einzuprägen.

Nun habe ich Ihre Geduld wieder recht auf die Probe gestellt! Aber ich bitte zu bedenken, mein Fräulein, dass Vieles von dem, was ich Ihnen heute schreibe, für eine fernere Zukunft berechnet ist, und daher ein späteres zeitgemässes Wiederlesen meiner Bemerkungen Ihnen erst in der Folge von besserm Nutzen seyn wird.

Indessen zeichne ich mich etc.