Home | Impressum
KölnKlavier · Themen
Startseite

Kullak: Ästhetik des Klavierspiels - Kap. 12

[Seite 2 von 2]

Nach diesen Erörterungen, welche die Wichtigkeit der Mechanik für den Vortrag hervorzuheben den Zweck hatten, wenden wir uns nun näher zur wirklichen Aufgabe.

<262> Die ganze Mechanik drängte in ihren einfachen Formen, sowie in den zusammengesetzten, in Sinn und Umriss ihrer Bewegungen, in ihrem innersten Begriffe, zur Klangerzeugung. Der nächste Schritt des Lehrsystems geht dahin, die Unterschiede in diesem nun in den Vordergrund tretenden Materiale nacheinander zu untersuchen. So sehr das letztere bei der Mechanik Voraussetzung blieb, so mußte es doch zurückgestellt bleiben. Jetzt kehrt sich das Verhältniß um; die Mechanik ist Voraussetzung und die Lehre vertieft sich in die Bedeutungen des Tones. Der gegenwärtige Standpunkt hat vor dem des ersten Theiles den Vortheil voraus, daß die von ihm ausgehende Voraussetzung gerechtfertigt erscheint, während sie dort als eine einstweilen ungetilgte, nachträglich zu lösende Schuld angenommen werden mußte. Schweift im ersten Theile der Blick über sein nächstes Objekt hinüber in ein noch unbekanntes und durch seine einstweilige Dunkelheit das Ganze in Spannung belassendes Gebiet, so wendet er sich jetzt mehr von der Höhe herab und schaut auf die in Rede stehende Voraussetzung mit dem Uebergewichte eines errungenen höheren Standpunktes.

Das musikalisch Schöne hat zu seinem Inhalte die Formidee, ausgedrückt im Klangmateriale, und außerdem eine gewisse Summe von Elementen, die symbolisch übergreifen in poetisch mit dem Leben zusammenhängende Erscheinungen. Das Klavierspiel wird demnach die Aufgabe haben, in seiner Sphäre die nach beiden Seiten hin sich ergebenden Momente möglichst klar zu veranschaulichen, und zu diesem Zwecke müssen die letzteren der Reihe nach betrachtet werden.

Bevor aber die Lehre unmittelbar auf diese Aufgabe übergeht, hat sie noch eines Zwischengliedes zu gedenken, das sich zwischen die letztere und den technischen Theil einschiebt, und trotz dieser Stellung eine Wichtigkeit beansprucht, die nicht geringer ist, als die der mechanischen Vorbedingungen, und sich als integrirender unerläßlicher Bestand durch die ganze Idee des Klavierspiels hindurchzieht.

<263> Bevor nämlich das Material genauer untersucht werden kann, muß es überhaupt auch wirklich gewonnen sein; der hier gemeinte Gedanke bezieht sich mithin auf Klarheit und Gewissenhaftigkeit des Spiels. Die ganze Mechanik muß in allen ihren Theilen die höchste Zweckmäßigkeit, die innigste Zusammengehörigkeit von Ursache und Wirkung verrathen; keine Bewegung darf in ihrer charakteristischen Symbolik einflußlos auf den Ton bleiben, und die Deutlichkeit muß alle Elemente, bis in die schwindelndste Rapidität [Schnelligkeit] hinein kennzeichnen. Der Spieler muß nach der physischen Bildung auch psychologisch entwickelt werden. Er muß sein Gewissen zu einer strengen Richterin heranbilden, daß es bei Allem, was er giebt, sich keiner und nicht der kleinsten Versäumniß schuldig fühlt. Ausführung und Willestehen hier in dem schwierigen Verhältnisse, das die Kunst im Gegensatz zu der Prosa des Lebens auszeichnet. Was der Gedanke will, das muß ausgeführt werden; das Ohr muß über jeden Ton gewissermassen seine Quittung ausstellen. Weder darf der Finger mehr geben als der Inhalt des Willens fordert, noch hinter dieser Anforderung zurückbleiben. Die Idee der Mechanik muß bis ins feinste Detail mit dem Klange Eins sein. - Hiermit sollen gymnastische Uebungen auf stummen Klaviaturen nicht untersagt sein; sie sind zur Auslösung schwerfälliger Gelenke, schon aus Rücksicht für die Empfindsamkeit des Gehörs, ein oft nicht zu umgehendes Mittel. Nur muß das dadurch gewonnene Resultat wieder im Zusammenhange mit dem lebendigen Klange geprüft, berichtigt und belebt werden.

Die erste Regel heißt also: es darf beim Spielen nie ein Ton fehlen. Alles muß rein und deutlich zum Gehöre kommen, was auf den Noten steht. So lange nun diese Deutlichkeit sich selbst zunächst im auge hat, ist es klar, daß sie von sonstiger Belebung und Schattirung einstweilen absieht und allen Atomen gleiche Berechtigung zuertheilt. Dies ist ein zweiter gleich wichtiger <264> Punkt, der unter der Vorschrift der Egalität gewöhnlich verstanden wird.

Gleiche Stärke und Sicherheit müssen aber nicht nur objektiv allen Tönen innewohnen, sondern auch subjektiv muß das Sicherheitsgefühl sich auf alle Elemente erstrecken. Es wurde früher erwähnt, daß das letztere durch die Regel häufiger Wiederholungen, von denen zuletzt jede gleich vollendet sein muß, am besten gebildet wird. Dazu muß hinsichtlich des Kraftmaaßes eine etwas starke Tongebung festgehalten werden, die sich auf alle Theile gleichmäßig erstrecken soll.

Mit diesen Regeln hängt die strenge Forderung einer genauen Kenntniß aller Notenschriftzeichen zusammen. Die letzteren umfassen einen nicht unerheblichen Theil der Klavierwissenschaft und werden gemeiniglich unrichtigerweise nur nebenher gelehrt. Es ist zur näheren Kenntnißnahme auf das erste Kapitel im zweiten Bande von Köhlers systematischer Lehrmethode für Klavierspielt und Musik hinzuweisen.

Wo der Schüler ein Zeichen nicht versteht, muß er sogleich Auskunft verlangen. Ein gewissenhafter Vergleich des Sichtbaren und Hörbaren gehört zu den strengsten Forderungen und kann die Fahrlässigkeit der Lernenden nicht nachaltig genug unterdrückt werden. Die Kenntniß der letzteren erstreckt sich häufig nicht einmal auf Noten und Pausen in ihrem ganzen Umfange, und welche große Summe von Zeichen besteht außer diesen. Besonders unentbehrlich für die Darstellung älterer Musik ist die Bekanntschaft mit den sogenannten Manieren, und ist zu diesem Zwecke auf den im dritten Kapitel dieses Werkes gegebenen Auszug aus Türk's Schule zu verweisen. Die letztere ist die ausführlichste Quelle für die älteren Verzierungen, und muß neben Köhlers Werke, das in diesem Punkte nicht ausreicht, zu Rathe gezogen werden. Ihr ästhetischer Werth ist nicht eben hoch zu veranschlagen, doch ertheilt ihnen das historische <265> Interesse Bedeutung. Es läßt sich ihre zuweilen übermäßig häufige Anwendung, die etwas Monotones, kleinlich Geziertes hat, oft gar nicht in Einklang bringen mit dem hohen Geiste der Alten, und kann einerseits nur aus der Unfähigkeit der alten Instrumente im Markiren mancher Hauptnoten erklärt werden. [Textzusatz der 8. Auflage] In neuerer Zeit werden die meisten Verzierungen in Noten ausgeschrieben, nur der Doppelschlag, Schneller und Triller behalten ihre Zeichen.