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Mattheson: Der vollkommene Capellmeister

Teil 1, Kap. 6

6. Von der Geberden=Kunst. [§. 1-50]

<33> [...]

<36> §. 16. Kan wol ein aufmercksamer Zuhörer zum Vergnügen beweget werden, wenn man ihm beständig einen Lerm mit dem Tactschlagen, es sey der Füsse oder der Arme, erreget? Wenn er ein Dutzend Geiger vor sich siehet, die keine andre Verdrehungen des Leibes machen, als ob sie böse Kranckheiten hätten? Wenn der Clavierspieler das Maul krümmet, die Stirne auf und nieder ziehet, und sein Antlitz dermassen verstellet, daß man die Kinder damit erschrecken mögte? Wenn viele bey den Wind=Instrumenten ihre Gesichts=Züge so zerreissen oder aufblehen (wobey die Lippen zur Queer=Flöte nicht auszuschliessen sind) daß sie solche in einer halben Stunde hernach mit Mühe wieder in die rechten Falten und zur natürlichen Farbe bringen können?

§. 17. Wie denn eben diese Blase=Zeuge das Unglück haben, daß sie dem Angesichte schlechten Vortheil schaffen: Darum auch von der Minerva gedichtet wird, daß sie die Pfeiffe oder Flöte weggeworffen; und von dem Alcibiades ist aus den Geschichten beaknnt, ob er gleich sonst ein ungemeiner Liebhaber der Music gewesen, daß er dennoch, aus angeführter Ursache, das Flötenspiel gehasset habe. Die Viol da Gamba hätte ihm vermuthlich besser gefallen sollen: Denn es ist doch, nächst der Laute, wol kein Instrument, dabey man eine feinere Leibes=Stellung machen könnte. [...]

§. 18. Kommen wir vom Singen ans Spielen, o! da geht der Jammer erst recht an. Man betrachte die Frantzösischen Sänger und Sängerinnen, mit welcher Inbrunst sie ihre Sachen vorbringen, und fast allemahl dasjenige wirklich bey sich zu empfinden scheinen, wovon sie singen. Daher kömmt es auch, daß sie die Leidenschafften der Zuhörer, zumahl ihrer Landsleute, sehr rege machen, und durch ihre Geberden und Manieren ersetzen, was Ihnen sonst an gründlichem Unterricht, an Festigkeit, oder an der Stimme abgehet.

§. 19. Die Welschen treiben es hierin noch weiter, als die Frantzosen; ja, bisweilen gehen jene ein wenig gar zu weit: Wie sie denn schier in allen ihren Unternehmungen gern über die Schnur hauen und das äusserste lieben. Indessen findet man doch bey ihnen offtmahls das Wasser in den Augen, wenn sie etwas wehmütiges vorbringen; und hergegen, bey erfreulichen Dingen, lachet ihnen gleichsam das Hertz im Leibe: denn sie sind sehr zärtlich von Natur.

§. 20. [...]

§. 21. Nur allein die kaltsinnigen Teutschen [...] setzen einestheils ihr grössestes Verdienst darin, daß sie bey kläglichen sowol, als bey frölichen Gemüths=Neigungen, davon etwa ihr Gesang handeln mag (wenns noch am besten bestellet ist) einmahl just so wie das andere fein steiff und unbeweglich aussehen, ihre Cantate, als eine Cantate, als ob es ihnen gar kein Ernst um den Inhalt wäre, gantz ehrbar und stramm daher singen, und sich um den Ausdruck oder die rechte Meinung derselben nicht das geringste bekümmern, ja die Absicht der Worte das zehntemahl kaum verstehen oder recht einnehmen. [...] <37> Es ist noch eine Gnade, wenn sie nicht, andern Theils, bey vorwährenden Pausen, mit ihren Nachbarn schwatzen, tändeln oder spotten; sollte auch die Materie, wovon sie singen, der höchsten Aufmerksamkeit würdig seyn, Und daher kömmt es unter andern, daß die Musik ihrer Krafft und Wirckung beraubet wird.

[...]

§. 26. Vom Lully lesen wir, daß er alle seine Acteurs, Actricen, Täntzer und Täntzerinnen in dieser Geberden=Kunst, d.i. inder Action selbst unterrichtet, und damit gnugsam bezeiget habe, daß es zu dem Amt und Wesen eines vollkommenen Capellmeisters mit gehöre, hierin was rechtes zu verstehen.

§. 27. Wir haben oben, im Haupt=Stücke von der Geschichts=Kunde, und auch bereits vor einigen Jahren im musicalischen Patrioten, eines artigen [FN] Büchleins gedacht, so den Nahmen führet: il Teatro alla Moda, der allemodische Schau=Platz, oder das neugebackene Opern=Haus. Aus demselben wollen wir ein Paar hieher gehörige Stellen verteutschen, und dereinst die völlige Ubersetzung sothaner satyrischen und nützlichen Schrifft auf eine oder andre Art zu befördern beflissen seyn.

<38> §. 28. "Die Action, heißt es, mag der Schauspieler nach seinem eignen Dünckel nur einrichten, indem doch der heutige Virtuose nicht das geringste von dem Sinn der Worte verstehen darff, und sich daher überall um keine anständige Geberden oder Bewegungen des Leibes zu bekümmern nöthig hat; dafern er bloß seinen Auf= und Abtritt an derjenigen Seite nimt, da die vornehmste Sängerin sich sehen läßt.

§. 29. Soll er einen Gefangenen oder Sclaven vorstellen, so muß er sehr geschmückt erscheinen, ein trefliches Feier=Kleid, hohen Federhut, einen Degen an der Seite, und doch dabey lange glänzende Ketten tragen, die er offt hin und wieder zu rütteln und zu schütteln wissen wird, um die Zuschauer zum Mitleiden zu bewegen.

§. 30. Muß er sich auf dem Schau=Platz in einen Zwei=Kampff einlassen, und bekommt etwa eine Wunde im Arm; so schadet es doch nichts, wenn er gleich mit dem verwundeten Arml in aller Freiheit, seine Geberden fein lieblich fortsetzet: und sollte es das Spiel mit sich bringen, daß er irgend Gifft trincken müste, so singe er nur getrost seine Arie mit dem Becher in der Hand immer weg, kehre denselben so offt und vielmahl um, als er will, ungeachtet die Leute wol sehen, daß nichts darin ist.

§. 31. Er lege sich auf etliche gewisse, besondere Drehungen, es sey mit der Hand, mit dem Knie oder mit dem Fusse, deren er sich Wechsels=Weise in iedem Schauspiel, einer nach der andern, ordentlich bis zu Ende bedienen kan.

§. 32. Soll er sich erstechen, und derjenige, der es hindern muß, käme nicht zu rechter Zeit, mag er ihn getrost herbey ruffen und mit dem Stoß so lange warten, bis er anlanget. Zögert aber jener, so stehet diesem frey, einen guten Fluch darauf zu Setzen, und Scheltworte zu gebrauchen.

§. 33. Soll er sich zu Pferde setzen, so nehme er ja in Acht, daß er zur rechten Seite aufsteige, und wie die Achsa vom Esel, zur lincken wieder herunter purtzle. Wer verliebt seyn soll auf dem Theatro, der sehe ja fein gravitätisch drein; und wer zornig werden muß, der lege die Hände in den Schoß, oder nehme sich in die Arme, so wird iedermann sehen, daß es ihm nicht ums Hertze, sondern daß er viel zu fromm sey" etc. etc.

[...]