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Mattheson: Der vollkommene Capellmeister

Teil 1, Kap. 10 [Seite 10 von 20]

Der Madrigalstil

§. 51. Die beiden angeführten Gattungen der klingenden Schreib=Art haben nun nirgend anders Platz, als in der Kirche, oder an solchem Orte, da man GOtt mit Sang und Kang dienen will: es sey auch wo es wolle. Die folgende dritte Art aber, nehmlich der Madrigal=Styl, gehöret sowol dort, als auf der Schaubühne, und in Sälen oder Zimmern zu Hause. Ja, er will zu diesen Zeiten fast alles in allem seyn. Oratorien, sogenannte Paßiones, Selbst=Gespräche, Unterredungen, Cavaten, Morgen= und Abend=Musiken, (aubades & serenades) Cantaten, Arien, und insonderheit die Recitativen (welche im Grunde das eigentliche madrigalische Wesen an sich haben) alles hat dieser Styl unter seiner Gewalt. Ja, die Opern selbst sind lauter historische Madrigale.

§. 52. Wir dürffen also seinentwegen das späte Alterthum nicht viel bemühen: denn die sogenannten Madrigalen, als ein gewisses Reim=Gebände sind, was die dazu gehörige Music betrifft, eben so grau noch nicht; indem Donius [FN: ...] ihre Erfindung ums Jahr 1400 setzet, dem ich es auch gerne zuglaube. Und obzwar die wenigsten poetischen Einrichtungen dieser Art zur heutigen Setz=Kunst geschickt sind, werden sie doch bisweilen viel zur Anmuth eines Singe=Stückes beitragen, wenn sie nicht offt, noch allein, sondern in stärckerer Gesellschafft andrer Reim=Gebände vorkommen.

§. 53. Die Sing=Spiele, sagt Morhoff [FN: ...] mit grossem Recht, sind fast durchgehends Madrigalen, und werden von den Componisten mit dem Recitativ ausgedrückt. Die Italienische Schauspiele, schreibt Walther, sind fast durchgehends Madrigale. Beide Aussprüche sind wahr; nur dem letztern muß man hinzufügen, daß nicht allein die Welschen, sondern alle andre Singspiele eben so beschaffen sind. Und dem ersten ist der Beifall bloß darin zu versagen, daß er unter dem Recitativ damahls noch unmöglich einen Unterschied hat machen können: Denn er wurde zu seiner Zeit tactmäßig, wie itzo unser Arioso, oder Obligato, gesungen, und schickte sich daher auch fast besser zu einem förmlichen Madrigal; absonderlich in der Kirche. Es bleiben noch die Frantzosen, so viel ich weiß, in ihrem Recitativ, bey einer abgemessenen Zeit; welche hergegen bey den Italienern, und denen, die ihnen folgen, längst abgeschaffet ist, ausser was in geistlichen Accompagnemens billig Statt hat.

§. 54. Was sonst den Ursprung des Wortes oder Nahmens, Madrigal, [FN: ...] betrifft, worüber <79> sich viele den Kopff vergeblich zerbrochen haben, deren Einfälle grössesten Theils in der zweiten Eröffnung des Orchesters angeführet worden; so ist mir, seit der Zeit, eine bessere Deutung aufgestossen, die ich mitzutheilen nicht umhin kan. Die Madrigale, heißt es, [FN: ...] wurden anfänglich von den welschen Land=Dichtern, nach ihrer etwas weichen Aussprache, Madrials genannt, weil man sie nehmlich zu material=Sachen, d.i. zu täglichen und allgemeinen Vorfällen, zu geringen und groben Materien fast immer gebrauchte. Und solches, sagt der genannte Verfasser, Doni, ist die wahre Herleitung des Wortes; alle andre sind nur bey den Haaren herbey gezogen.

§. 55. Von den Beschreibungen aber der Madrigale gefällt mir noch keine besser, als Caspar Zieglers seine [FN: ...], die so lautet: Ein Madrigal ist bey den Welschen ein kurtzes Gedicht, darin sie, ohne einige, gewisse Reim=Maasse, etwas scharffsinnig fassen, und gemeiniglich dem Leser ferner nachzudencken geben. Es hat, wo nicht mehr, 11 bis 15 auch wohl weniger Zeilen, die bald kurtz bald lang gerathen, allemahl uneben sind, damit eine derselben keinen Reim bekomme, und der Vortrag mehr einer ungebundenen Rede, als einem Gedichte ähnlich sehe. Die ersten Erfinder derselben Schreib=Art sind gewesen: Anselmo da Parma, Marchetto Padoano, Prosdocimo Baldimandi, Fisifo da Caserta, und dergleichen; obgleich Giosquino, Montone, Gombert und andre sie erst lange hernach zur Vollkommenheit gebracht haben, wobey den Welschen, als Zarlino, Marentio, Gio. Luigi Prenestino, Pomponio Nenna, Tommaso Pecci und dem Fürsten von Venosa, der seine Madrigalen von fünf Stimmen 1690 herausgegeben, ihr Ruhm allerdings gebühret. [FN: ...]

§. 56. Solche Madrigale wurden mit vielen Singe=Stimmen concertirend gesetzt: und wenn man heutiges Tages dergleichen hundertjährige Arbeit ansiehet, kömmt sie uns gantz seltsam vor: denn sie reimen sich gar nicht zum itzigen Geschmack. Weil nun in den damahligen Welschen Oratorien kein Madrigal=Styl, gebraucht worden, so müssen auch diese eine gantz andre Beschaffenheit gehabt haben, als unsre heutige Oratorien, darin sich die besagte Schreib=Art beständig meldet, obgleich nicht nach der alten Weise, vielweniger in der rechten poetischen Form einen Madrigals; maassen diese Art der Reim=Gebände bey itziger musicalischen Schreib=Art und Setz=Kunst gar selten mit Manier angebracht werden kan. Eines Theils lassen sich die Recitative nicht allemahl in die poetische Schrancken eines Madrigals sperren; und andern Theils würde ein förmliches Madrigal viel zu lang an Worten fallen, wenn man eine gewöhnliche Aria daraus machen wollte: andrer Umstände zu geschweigen; die sich doch heben lassen.

§. 57. Ein Componist, der einen guten musicalischen Dichter bey der Hand hat, oder selber ein Poet ist, kan indessen schon ein förmliches Madrigal in einer gantzen Cavata dann und wann anbringen; doch muß dabey allemahl mehr redendes und fliessendes, als gedehntes, hochtrabendes oder durchbrochenes, mehr nachdrückliches und deutliches, als gezwungenes und verblümtes; mehr natürliches und zärtliches, als gekünsteltes und geschmücktes vernommen werden. Es kan ein solches Madrigal gar wol von einer Stimme gesungen, und mit verschiedenen Instrumenten, theils im Einklange, theils als eine bescheidentliche, vollstimmige, doch sanffte Begleitung, durch und durch, ohne sonderbare Wiederholungen versehen werden, so wird es keine schlimme Wirckung thun, wie ich selbst dessen einige Proben habe.

§. 58. Es läßt sich natürlicher Weise in dieser Schreib=Art nicht viel Aufhaltens oder Pausirens machen, aus zwoerley Ursachen: erstlich weil die Worte eines Madrigals insgemein an sich selbst schon eine ziemliche Länge aufweisen, welche durch vieles Einhalten, Wiederholen und Absetzen endlich eckelhafft werden müste; zum andern, weil ein solches Gedicht von Rechts wegen den völligen Verstand und das nachdenckliche Wesen nicht eher, als am Ende aufzuweisen hat, und sich der Zuhörer nur auf den Schluß des Vortrages spitzer.

<80> §. 59. Wolgedachter Hammerschmidt [Kap. 10, §. 39] hat, beynahe vor hundert Jahren, geistliche Madrigale mit 4 bis 6 Singe=Stimmen drucken lassen, unter der Aufschrifft musicalischer Andachten: die theils gar keine Verse, sondern blosse Sprüche Heil. Schrifft und kurtze Stoß=Gebetlein, theils auch kleine Sätze aus bekannten Kirchen=Liedern enthalten; aber nirgend ein Madrigal, in poetischer Gestalt, darlegen. Die biblischen Sprüche schicken sich sonst nicht übel in der Setz=Kunst zu diesem Styl, wegen der Ungleichheit ihrer Abschnitte und verschiedenen Sylben=Maasse; doch können sie darum noch lange keine Madrigale heissen. Man siehet also, daß unsre liebe Vorfahren eine iede kurtze, concertirende Zusammenstimmung für ein Madrigal gehalten, aber daran Unrecht gethan haben: weil weder das Reim=Gebände noch das nachdenckliche oder scharffsinnige, am wenigsten aber die Eigenschafft der dazu dienlichen Materien von ihnen beobachtet worden: indem sie so gar Gebete und Vorbitten daraus gemacht.

§. 60. Ob nun gleich die Welschen, als Urheber dieses Styls, weit besser damit umgegangen sind, so finde ich doch nicht, daß bey einem Madrigal voriger Zeiten Instrumente, ausser der Orgel oder dem Clavier, gebraucht worden; da doch solches bey den Moteten zur Verstärckung geschehen, wie oben erinnert worden. Allein die Madrigale haben hergegen alle ihren eignen General=Baß, der immer vom Anfange bis zum Ende durchgehet, unangesehen der Singe=Baß offt pausiret, von dem er sich also hiemit unterscheidet. In Moteten thut man solches nicht.

§. 61. Scacchi, in dessen Cribro [FN: ...] ein Paar feine Madrigale, nach damahliger Art, der Länge nach stehen, und vier Bogen ausmachen, nennet diesen Styl einen neuern (recentiorem) und unterscheidet ihn vornehmlich von der Motetischen Schreib=Art auch dadurch, daß, in den Madrigalen, die Worte Herren und keine Knechte sind, d.i. man müsse darin mehr auf den Inhalt des Wort=Verstandes, und der Affecten, als auf das künstliche Klang=Gewebe der Noten sehen; welches bey dem Moteten=Styl just umgekehret war, und schon eine artige Anmerckung ist, die uns zugleich Ursache zu glauben gibt, daß die Madrigale und der General=Baß ein Paar Erfindungen seyn mögen, die ungefehr zu einer Zeit ihre Vollkommenheit erhalten haben. Eine kleine Probe kan nicht schaden.

[Notenbeispiel S. 80-81]

<81> §. 62. Da nun dieses Exempel schon etwas aufgewecktes und gleichsam tändelndes weiset, wiewol der Verfasser meldet, er habe darin die bey seinen Lands=Leuten Beifall=findende gar zu grosse Munterkeit mit Fleiß vermieden, weil ihm wol bekannt, daß nicht iedermann fähig, von dergleichen allzufrischen und hurtigen Gesängen ein bescheidenes Urtheil zu fällen; so wollen wir doch auch, Unterschieds halber, uns die Erlaubniß ausbitten, ein kleines Fleckgen von einem viel ernsthafftern ja recht traurigem Muster dieser Schreib=Art alhier einzuschalten, und darauf fürs erste von ihr Abschied zu nehmen. Das vorige zielet auf eine schöne und kunstreiche Sängerin, die ohne Mühe, ohne Fackel, ohne Pfeile, die Hertzen listiglich mit den Augen, so wie die Ohren mit der Stimme zu gewinnen weiß. Das folgende hergegen enthält eine bittere Klage über die Trennung von dem Geliebten, und das scharffsinnige ist die Vorstellung eines unsterblichen Todes.

[Notenbeispiel S. 81-82]