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Übersicht Tonartencharakteristik

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Tonartencharakteristik

Allgemeine Äußerungen

Mattheson 1713, S. 232

Daß nun ein jeder Tohn etwas sonderliches an sich habe / und sie in dem EFFECT [der Wirkung] einer von dem andern sehr unterschieden sind / ist wol einmahl gewiß / wenn man Zeit / Umstände und Personen dabey wol CONSIDERIret [berücksichtigt]; was aber ein jeder Thon eigentlich vor AFFECTEN, wie und wenn er selbige rege mache / darüber gibt es viel CONTRADICIrens [widersprüchliche Aussagen].

Heinichen 1728

Denn wenn wir z.e. aus diesen oder jenen Tone (wozu etwan ein guter Componist am meisten zu incliniren pfleget) eine oder mehr schoene tendre, plaintive oder ernsthaffte Arien finden, so schreiben wir den guten Effect der Aria, lieber dem Tone selbst, nicht aber dem guten Einfalle des Componisten zu, und machen sogleich eine proprietatem modi daraus, als solten in diesen Tone nicht wohl contraire Worte und Affecten koennen exprimiret werden; welches aber aerger, als falsch ist, und mit 1000 schoenen Exemplis in contrarium, kan erwiesen werden. [...]

[...] dahero uns die Antique und sich selbst unzehlich mahl contradicirende Lehre: de proprietatibus Modorum Musicorum eben so wenig Nutzen schaffet, als ungegruendet, und falsch sie an sich selbst ist.

Anmerkung:
Nach Heinichens Auffassung ist die Wirkung eines Musikstückes nicht von den angeblichen Eigenschaften einer Tonart abhängig, sondern nur von dem Einfallsreichtum des Komponisten. Die Wahl der Tonart wird dabei vor allem von vier Faktoren bestimmt:

  1. von der Neigung des Komponisten, der vielleicht eine Vorliebe für bestimmte Tonarten hat;
  2. von der Notwendigkeit, in größeren Musikwerken die Tonart zu wechseln, um Monotonie zu vermeiden;
  3. von den Instrumenten, für die das Musikstück geschrieben wird;
  4. bei Gesangsstücken vom Umfang der Stimme eines Sängers.

Die Wahl der Tonarten richtet sich also in vielen Fällen nach rein praktischen Gesichtspunkten, so daß der Komponist gar keine Rücksicht auf Tonartencharaktere, wenn es sie gebt, nehmen kann.]

Mizler 1736-38, I,1, S. 34 ff.

[...] daß alle Dur=Thone munter scharff und lustig, hingegen alle Moll=Thone, sittsam angenehm und traurig klingen, welches die Erfahrung beweiset.

Anmerkung:
Eine weitergehende verbale Charakterisierung der einzelnen Tonarten eines Tongeschlechtes lehnt Mizler jedoch ab. Nach seiner Auffassung besitzt jede Tonart zwar eine besondere Qualität, diese läßt sich aber nicht mit Worten beschreiben. "Rechtschaffene Musici" haben "einen dunckeln Begriff" von der Eigenart einer jeden Tonart, aber man ist noch nicht in der Lage, vollständig zu erklären, worin diese besondere Qualität besteht. Aus Mizlers Äußerungen läßt sich nicht entnehmen, ob er die Versuche seiner Zeitgenossen, die Tonartencharakteristik zu begründen, nicht kannte, oder ob er sie bloß für unzureichend hielt. Das Phänomen als solches erkennt er jedoch partiell an.

Mattheson 1739, S. 68

Wiewol auch von den berührten Eigenschafften der Tonarten bereits [...] sattsame Meldung geschehen ist, worauf wir uns diesen Falls beziehen, und nur noch hier schließlich beifügen wollen, daß von solchen Eigenschafften nichts unumstößliches zu sagen sey, weil keine Ton=Art an und für sich selbst so traurig oder so lustig seyn kann, daraus man nicht das Gegentheil setzen mögte.

Quantz 1752, S. 138 f.

Wegen der, gewissen Tonarten, sie mögen Dur oder Moll seyn, besonders eigenen Wirkungen, ist man nicht einig. Die Alten waren der Meynung, daß eine jede Tonart ihre besondere Eigenschaft, ihren besondern Ausdruck der Affecten hätte. Weil die Tonleitern ihrer Tonarten nicht alle gleich waren [...] so war diese Meynung hinlänglich gegründet. In den neuern Zeiten aber, da die Tonleitern aller großen, und die Tonleitern aller kleinen Tonarten einander ähnlich sind, ist die Frage, ob es sich mit den Eigenschaften der Tonarten noch so verhalte. Einige pflichten der Meynung der Alten noch bey: andere hingegen verwerfen dieselbe, und wollen behaupten, daß jede Leidenschaft in einer Tonart so gut als in der andern ausgedrücket werden könnte, wenn nur der Componist die Fähigkeit dazu besäße. Es ist wahr, man hat Exempel davon aufzuweisen; man hat Proben, daß mancher eine Leidenschaft, in einer Tonart, die eben nicht die bequemste dazu scheint, sehr gut ausgedrücket hat. Allein wer weis, ob dasselbe Stück nicht eine noch bessere Wirkung thun würde, wenn es in einer andern und zu der Sache bequemen Tonart gesetzet wäre? [...] Ich will inzwischen meiner Erfahrung, welche mich der unterschiedenen Wirkungen unterschiedener Tonarten versichert, so lange trauen, bis ich des Gegentheils werde überführet werden können.

Marpurg 1776

Ist es nicht sonderbar, daß die bloß zum Behuf der reinern Ausfuehrung erfundne Temperatur zum Behuf des Ausdrucks misgebrauchet werden soll; daß man in der Einbildung, die Mannigfaltigkeit des Ausdrucks zu befoerdern, dieser Einbildung die reine Execution aufopfern, und den Mangel an Einfaellen und Wendungen durch die Characterisirung der Tonarten ersetzen will? [...] Sowohl zwischen allen zwoelf harten als zwoelf weichen Toenen ist die Wahl eines Tons fuer den Ausdruck eines Characters schlechterdings an sich einerley, die Toene seyn temperirt wie sie wollen. [...] Sollte nur dieser oder jener Ton einem gewissen Character angehoeren, so haetten ebendieselben Worte einer metastasischen Arie von den verschiednen Componisten, welche solche seit vierzig Jahren mit Beyfall bearbeitet haben, alle in einerley Ton und Tonart gesetzet werden muessen; so mueßte das Kyrie seinen besondern Ton haben, das Gloria seinen besondern Ton, u.s.w. Sollen nicht etwann die Menuetten, Bourreen, Giquen ihren gewissen eigenen Ton haben?

Schubart 1784/85, S. 377 ff.

Jeder Ton ist entweder gefärbt, oder nicht gefärbt.
Unschuld und einfalt drückt man mit ungefärbten Tönen aus. Sanfte, melancholische Gefühle mit B Tönen; wilde und starke Leidenschaften mit Kreuztönen.
Wenn man gegen diese Charakteristik der Töne [...] einwenden wollte: daß wegen der mannigfaltigen Ausweichungen kein Ton einen bestimmten Charakter haben könne; so muß man bedenken, daß es die Pflicht für jeden Componisten sey, den Charakter seiner Töne genau zu studieren, und nur die simpathetischen [dem Charakter des Stückes angemessenen Tonarten] in seinen Lichtkreis aufzunehmen. [...] So bald er einmahl einen der herrschenden Empfindung anpassenden Ton gewählt hat, so darf er nie in Töne ausgleiten, welche dieser Empfindung widersprechen. Unausstehlich wäe es z.B. wenn eine Arie, deren Grundton C dur ist, im ersten Theil in H dur endigte; oder wenn man aus F moll plötzlich in Fis dur übergehen wollte. Kurz, der musikalische Ausdruck durch alle Töne, ist so genau bestimmt, daß, ob es gleich philosophische Kritiker noch nicht genug geltend gemacht haben, er es doch an Genauigkeit dem poetischen und pittoresken Ausdrucke weit zuvor thut.

Sulzer 1792, Bd. 5, S. 535f. – Artikel "Ton"

Da nun jede Sayte ihre eigene diatonische Tonleiter bekommt, die sich bald mehr, bald weniger von allen andern unterscheidet, so muß nothwendig auch jeder Ton seinen eigenen Charakter bekommen, der gegen die andern mehr oder weniger absticht. Verschiedene dieser Töne sind sich zwar bis auf einige Kleinigkeiten ähnlich; andre aber unterschieden sichmerklicher von allen andern. [...]

Man muß aber bey dieser Vergleichung der Töne nicht blos die Tonleiter der Haupttöne, sondern auch ihrer Dominanten, und überhaupt aller ihrer Ausweichungen gegen einander halten, um zu sehen, wie verschieden auch der Charakter der Töne sey, in welche man zunächst ausweicht. Daraus kann man denn die Art eines jeden der vier und zwanzig Töne richtig kennen lernen. Diese Kenntniß aber dienet alsdann dem Tonsetzer, daß er in jedem besondern Fall den Ton aussucht, der sich zu seinem Ausdruk am besten schikt.

Damit man die Verschiedenheit der vier und zwanzig Töne nach den Verhältnissen der vorerwähnten Temperatur, wenn in jedem derselben seine natürlichen Ausweichungen und die Dominantenaccorde mit begriffen werden, mit einem Blik übersehen könne, geben wir davon nach ihrer abnehmenden Reinigkeit folgende Vorstellung:

Durtöne
C G D F   am reinsten.
A E H Fis   härter.
B Cis Dis Gis   am härtesten;
 
Molltöne
A E H D   am reinsten.
Fis Cis Gis Dis   weicher.
C G F B   am weichsten.

[...]

Es ist gewiß, daß die reinsten Töne zum pathetischen Ausdruk wenig geschikt, hingegen [...] zur Belustigung, zum lärmenden und kriegerischen, zum gefälligen, zärtlichen, scherzhaften, oft zum blos ernsthaften Ausdruk am besten zu gebrauchen sind. Die weniger reinen Töne sind nach dem Grade ihrer wenigern Reinigkeit allezeit wirksamer zu vermischten Empfindungen, deren Ausdruk in den härtesten Dur- und den weichsten Molltönen von der gewaltsamsten Wirkung ist.

Hieraus erhellet hinlänglich, daß der Tonsetzer nicht blos in der Wahl der Tonart, ob er die harte oder weiche zu nehmen habe, sondern auch des Tones selbst, sehr sorgfältig seyn müsse. Die Stüke derer, die eine solche sorgfältige Wahl getroffen haben, lassen sich deswegen nie ohne Schaden in andere Töne versetzen, deren Reinigkeit merklich von der verschieden ist, nach der sie ursprünglich gesetzt worden. [...]

Koch 1802, Sp. 1552 f.

Ob nun gleich unsere 24 Tonarten weiter nichts sind, als Versetzungen der beyden Haupttonarten auf andere Grundtöne, so verursacht dennoch theils die schwebende Temperatur der Töne, theils auch ds Eigenthümliche verschiedener Instrumente, daß jede dieser 24 Tonarten eine ganz eigene Schattirung bekömmt, wodurch sie sich <Sp. 1553> von den übrigen gar merklich auszeichnet; daher haben einige dieser Tonarten mehr Fülle und Einschneidendes, andere mehr Sanftheit und dergl. Eigenschaften. Eben daher ist es auch nicht gleichgültig, ob der Tonsetzer zum Ausdrucke einer bestimmten Empfindung die harte oder weiche Tonart auf diesem oder jenem Grundtone ausübt. Weil jede Tonart ihre eigene Tonleiter hat, die sich wegen der Temperatur der Töne in Ansehung der Verhältnisse ihrer Stufen bald mehr, bald weniger, von allen andern Tonarten unterschiedet, so kann es nicht fehlen, daß dadurch auch jede dieser Tonarten ihren eigenthümlichen Charakter bekomme, der gegen die andern Tonarten mehr oder weniger absticht. Den Charakter dieser Tonarten kann man ohne Schwierigkeiten übersehen lernen, wenn man sowohl die harten als weichen Tonarten nach den Graden ordnet, in welchen die [Schwingungs-]Verhältnisse ihrer Intervalle (nach Maaßgabe der Temperatur) von den ursprünglichen Intervall-Verhältnissen abweichen; nemlich

unter den Durtonarten sind
C G D F   am reinsten;
A E H Fis   härter; und
B Es As Des   am härtesten;
 
unter den Molltonarten sind
A E H D   am reinsten;
Fis Cis As Des   weicher; und
C G F B   am weichsten

[Es folgen als Zitat die letzten beiden Absätze von Sulzer - siehe oben.]

Schumann 1835, S. 43 f.

Man hat dafür und dagegen gesprochen; das Rechte liegt wie immer mitten innen. Man kann ebenso wenig sagen, daß diese oder jene Empfindung, um sie sicher auszudrücken, gerade mit dieser oder jener Tonart in die Musik übersetzt werden müsse (z. B. wenn man theoretisch beföhle, rechter Ingrimm verlange Cis moll und dgl.), als Zelter'n beistimmen, wenn er meint, man könne in jeder Tonart jedes ausdrücken. Schon im vorigen Jahrhunderte hat man zu analysiren angefangen; namentlich war es der Dichter C.D. Schubart, der in den einzelnen Tonarten einzelne Empfindungs-Charaktere ausgeprägt gefunden haben wollte. So viel Zartes und Poetisches in dieser Charakteristik sich findet, so hat er für's erste die Hauptmerkmale der Charakterverschiedenheit in der weichen und harten Tonleiter ganz übersehen, sodann stellte er zu viel kleinlich-specialisirende Epitheten zusammen, was sehr gut wäre, wenn es damit seine Richtigkeit hätte. So nennt er E moll ein weiß gekleidetes Mädchen mit einer Rosaschleife am Busen; in G moll findet er Mißvergnügen, Unbehaglichkeit, Zerren an einem unglücklichen Plan, mißmuthiges Nagen am Gebiß. Nun vergleiche man die Mozart'sche G moll-Symphonie (diese griechisch schwebende, wenn auch etwas blasse Grazie) oder das G moll-Concert von Moscheles und sehe zu! - Daß durch Versetzung der ursprünglichen Tonart einer Composition in eine andere, eine verschiedene Wirkung erreicht wird, und daß daraus eine Verschiedenheit des Charakters der Tonarten hervorgeht, ist ausgemacht. Man spiele z.B. den "Sehnsuchtswalzer" in A dur oder den "Jungfernchor" in H dur! - die neue Tonart wird etwas Gefühlwidriges haben, weil die Normalstimmung, die jene Stücke erzeugte, sich gleichsam in einem fremden Kreis erhalten soll.

Der Proceß, welcher den Tondichter diese oder jene Grundtonart zur Aussprache seiner Empfindungen wählen läßt, ist unerklärbar, wie der schaffende Genius selbst, der mit dem Gedanken zugleich die Form, das Gefäß gibt, das jenen sicher einschließt. Der Tondichter trifft daher von selbst das Rechte, wie der wahre Maler seine Farben. Sollten sich aber wirklich in den verschiedenen Epochen gewisse Stereotyp-Charaktere der Tonarten ausgebildet haben, so müßte man in derselben Tonart gesetzte, als classisch geschätzte Meisterwerke zusammenstellen und die vorherrschende Stimmung unter einander vergleichen; dazu fehlt natürlich hier der Raum. Der Unterschied zwischen Dur und Moll muß vorweg zugegeben werden. Jenes ist das handelnde, männliche Princip, dieses das leidende, weibliche. Einfachere Empfindungen haben einfachere Tonarten; zusammengesetzte bewegen sich lieber in fremden, welche das Ohr seltener gehört. Man könnte daher im ineinanderlaufenden Quintenzirkel das Steigen und Fallen am besten sehen. Der sogenannte Tritonus, die Mitte der Octave zur Octave, also Fis, scheint der höchste Punct, die Spitze zu sein, die dann in den B-Tonarten wieder zu dem einfachen, ungeschminkten C-Dur herabsinkt.