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Türk: Klavierschule

Anhang

5. Abschnitt. Vom Style, von der Manier, vom Kontrapunkte und von der Umkehrung. [§. 54-60]

§. 54. Unter dem Style (der Schreibart) versteht man einen gewissen eigenthümlichen Charakter der Komposition, oder die Art und Weise, wie Jeder komponirt. Der verschiedene Styl erfordert daher auch eine Verschiedenheit im Vortrage. (S. Seite 364) Vorzüglich ist der Styl in Ansehung des Ortes und Nationen verschieden. In Rücksicht des Ortes unterscheidet man nämlich den Kirchen- Theater- und Kammerstyl, in Rücksicht der Nationen aber hauptsächlich den italiänischen, französischen und deutschen Styl. (Geschmack.)

§. 55. Der Kirchenstyl erfordert einen ernsthaften mit Würde verbundenen Charakter, Feyerlichkeit, Pracht, erhabene Größe, kräftige Harmonien, strenge Befolgung der Regeln u.s.w. Vorzüglich bedient man sich dabey der gebundenen Schreibart. [Fußnote: ...]

Im Kirchenstyle geschriebene Stücke sind Oratorien, Passionen, geistliche Kantaten, Messen, Hymnen, einzelne so genannte Kirchenstücke, Psalmen, Motetten u. dgl.

Der Theaterstyl ist in einer gewissen Rücksicht weniger an die Regeln gebunden; [FN: Ich möchte lieber sagen, der Theaterstyl braucht weniger schulgerecht zu seyn; doch werden dadurch Fehler wider die Regeln der Harmonie &c. nicht entschuldigt.] dagegen muß der Ausdruck feurig, glänzend, und in einem hohen Grade charakteristisch seyn. Oft gränzt dieser Ausdruck sogar an das Malerische. Kurz der Theaterstyl sucht die Empfindungen und Leidenschaften in ihrer ganzen Größe darzustellen, und bedient sich zur Erreichung dieses Endzweckes mancher im Kirchenstyle nicht erlaubter Mittel.

<404> Ernsthafte Opern, komische Operetten, Pastorale, Serenaden u. dgl. sind im Theaterstyle geschrieben.

Der Kammerstyl hält gleichsam das Mittel zwischen dem Kirchen- und Theaterstyle, und vereinigt das, was man in den genannten beyden Schreibarten nur einzeln antrifft. Kunst der Harmonie, auffallende Wendungen, Kühnheit, Feuer, Ausdruck der Empfindungen, Pracht, Wohlklang - kurz alles, was nicht wider die Regeln der Komposition und des reinen Satzes läuft, steht hier am rechten Orte. Vorzüglich nehmen die Tonsetzer in dieser Schreibart auf die Fertigkeit der Spieler oder Sänger Rücksicht, und suchen jedes Instrument nach Möglichkeit zu benutzen.

Die Stücke im Kammerstyle sind: ein Theil Kantaten, Gesänge und Lieder; außer diesen: Sinfonien, Sonaten, Duo's, Trio's, Quatuor &c. Konzerte, Solo's, Divertimente, Partien, ein Theil Tänze u.v.a.

§. 56. Der italiänische Styl ist gefällig, singend, voll, (oft überladen,) glänzend, mannigfaltig und ausdrucksvoll. So charakterisirte man ihn wenigstens ehedem. Gegenwärtig trifft man freylich auch viel Zweckloses, oft Gehörtes, Unbedeutendes, Seichtes u. dgl. in den Werken verschiedener italiänischer Tonsetzer an; doch muß man ihnen größtentheils das Verdienst zugestehen, daß ihr Gesang eine gewisse (einnehmende) Geschmeidigkeit hat.

Der französische Styl soll, nach Rousseaus Urtheil, fade, platt oder hart, schlecht abgetheilt und monotonisch seyn. [FN] Ein Urtheil, welches ganz gewiß zu hart ist, und von der ausschließenden Vorliebe zeugt, die der Verfasser für die italiänische Musik hatte. [FN] Denn außer daß die französischen Komponisten wohl zuweilen etwas leer und trocken schreiben, oder auch den harmonischen Theil ein wenig vernachlässigen, muß man dennoch ihrem Geschmacke gegenwärtig mehr Gerechtigkeit wiederfahren lassen. Daß sie aber unter den Tonsetzern für das Klavier schon längst einen ansehnlichen Rang behauptet haben, und in dieser Rücksicht den italiänischen Komponisten weit vorgezogen zu werden verdienen, ist außer allem Zweifel.

Die deutsche Schreibart kannte Rousseau ebenfalls von keiner vortheilhaften Seite. Er sagt nämlich, sie sey hüpfend, (sautillant,) hackend, (coupé,) <405> dabey aber doch harmonisch. - Wenn dies ja (in Ansehung des Hüpfenden und Gehackten) ehedem etwa bey Klaviersachen der Fall gewesen seyn sollte, so ist er es doch gegenwärtig gewiß nicht mehr. Ich denke, unser Styl zeichnet sich im Ganzen vielmehr durch Fleiß, Gründlichkeit und kräftige Harmonie aus. Ueberdies haben wir von den Italiänern und Franzosen manches, und vielleicht nicht immer das Schlechteste, angenommen. Auch können wir den Ausländern viele wirklich große Meister in der Komposition und auf Instrumenten, ja sogar im Gesange, entgegen setzen. Indeß hätten wir freylich den Italiänern manches überlassen können; denn mich dünkt, unser ausgezeichneter kräftiger Styl fängt seit einiger Zeit an, in leichte Tändeley &c. auszuarten. -

Den Engländern hat man bis jetzt noch keinen eigenen Styl in der Musik zugestanden. Merkwürdig ist es allerdings, daß ein großer Theil ihrer wichtigern Tonsetzer Deutsche waren z.B. Händel, C. [Ph.E.] Bach, Fischer, Abel, Schröter u. a. m.

In den ältern Schriften findet man noch mancherley Eintheilungen des Styles, die zum Theil überflüssig, zum Theil gar lächerlich sind. So gedenkt z.B. Walther unter andern auch eines kriechenden und niederträchtigen Styles.

§. 57. Außer den angezeigten Eintheilungen des Styles unterscheidet man gewöhnlich auch noch die gebundene Schreibart von der freyen. Gebunden (gearbeitet) heißt sie, wenn der Tonsetzer alle Regeln der Harmonie und Modulation auf das strengste befolgt, künstliche Nachahmungen und häufige Bindungen einmischt, das Thema sorgfältig durchführt u.s.w. kurz, wenn er mehr Kunst, als Wohlklang, hören läßt. In der freyen (galanten) Schreibart ist der Komponist nicht so sklavisch an die Regeln der Harmonie, Modulation u. dgl. gebunden. Oft erlaubt er sich kühne Wendungen, die sogar den allgemein angenommenen Regeln der Modulation &c. entgegen seyn können, vorausgesetzt daß der Komponist dabey mit gehöriger Einsicht und Beurtheilung handelt, und dadurch einen gewissen Endzweck erreichen kann. Ueberhaupt hat also die freye Schreibart mehr den Ausdruck, Wohlklang &c. als die Kunst, zum Hauptzwecke.

§. 58. Wenn von der besondern Art die Rede ist, wie Ein Tonsetzer, ohne Rücksicht des Nationalgeschmackes, in Ansehung des Planes, der Ausführung &c. von dem Andern abweicht: so nennt man dies die Manier. Daher sagt man in der Bachischen, Bendaischen, Gluckschen, Haydnschen &c. Manier. Da nun fast jeder Komponist seine eigene Manier hat, die mehr oder weniger von einer andern verschieden ist, so muß auch der Spieler seinen Vortrag darnach einrichten. (S. 364.)

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