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KölnKlavier · Themen
Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung Übersicht Dieser Beitrag ist erstmals erschienen in:
Die Befreiung der Musik. Eine Einführung in die Musik des 20. Jahrhunderts. Hrsg. von F. X. Ohnesorg. Köln (MusikTriennale/Lübbe) 1994. S. 119-131.

Warum diese Töne?

Skandal und Provokation in der Musik

(4) Der Skandal als Politikum

B. Bartók: Der wunderbare Mandarin

Wie leicht sich der Publikumsprotest als Politikum ausnutzen läßt, zeigt die Kölner Uraufführung von Bartóks Pantomime Der wunderbare Mandarin am 27. November 1926. [17] Die Handlung der Pantomime faßte Béla Bartók in folgenden Sätzen zusammen:

In ihrem Unterschlupf zwingen drei Zuhälter ein schönes junges Mädchen, Männer zu sich auf die Stube zu locken, die dann die drei vereint ausrauben. Der erste ist ein armer Bursche, der zweite auch nicht viel besser, jedoch der dritte, ein reicher Chinese, verspricht einen guten Fang. Das Mädchen tanzt für den Mandarin und erweckt seine heftige Begierde. Er ist in Liebe entbrannt, dem Mädchen graut es jedoch vor ihm. Die Zuhälter überfallen den Chinesen, rauben ihn aus, ersticken ihn in den Kissen, durchstechen ihn mit dem Degen, können aber nicht mit ihm fertig werden: er wendet die sehnsuchtsvoll verliebten Augen nicht von dem Mädchen. Endlich folgt das Mädchen seinen weiblichen Instinkten, ist ihm zu Willen, und der Mandarin sinkt leblos zu Boden. [18]

Bei der Uraufführung empörten sich Publikum und Kritiker denn auch in erster Linie über die anrüchige Handlung: Die Beschreibungen gipfelten in Formulierungen wie Kaschemmenstück niedrigster Art, Dirnenstück voll der rohesten und brutalsten Instinkte, ekelhaft im Stofflichen und minderwertiges Objekt. Entsprechend wurde auch Bartóks Musik abqualifiziert: als das Entsetzlichste, was einem menschlichen Ohr zugemutet werden kann, als reicher kakophoner Segen, Dokument geistiger Pervertierung und Hottentottenkralsmusik, die uns Bartók als die Ausgeburt eines entarteten Musiksinns bescherte. Im Kölner Tageblatt heißt es anläßlich der Premierenbesprechung:

Die Kölner sind im Allgemeinen im Theater sehr geduldig. Den reichen kakophonen Segen ließen sie widerstandslos über sich ergehen. Als aber [...] gewürgt und gestochen wurde, als der nichtumzubringende Wundermann minutenlang in den Schlingen hängen mußte [...], da meldete sich starker Protest. Einige Besucher verließen, ostentativ die Türe werfend, das Theater. Und nach dem Fallen des Vorhanges erhob sich ein wütender, zehn Minuten währender Kampf, es wurde gellend gepfiffen und Pfui gerufen, während andererseits in der Mitte des ersten Ranges eine kleine Rotte grüner Jungen sich die Hände kaputtschlagend, ihre anscheinend bestellte Beifallsarbeit verrichtete und partout den telegraphierten "großen Erfolg" machen wollte. Wenn man so will, gab es also einen regelrechten Theaterskandal.[19]

Und in der an Skandalen sicherlich nicht armen Hauptstadt Berlin konnte der musikinteressierte Leser erfahren:

Nun hat auch die rheinische Metropole einmal wieder einen Theaterskandal gehabt. Der wunderbare Mandarin ist bei seiner Uraufführung im Kölner Opernhaus in Anwesenheit des Komponisten Béla Bartók gründlich ausgezischt worden. Daß man es gewagt hat, im "heiligen" Köln ein derartiges Machwerk aufzuführen, hat allgemeines Befremden hervorgerufen. Vor dem Kriege hätte es die Intendanz nicht gewagt, ein solches Schmutzwerk zu geben. Aber heute scheint auf dem Gebiet in Köln alles möglich zu sein. Es ist bezeichnend, daß Bartók sich an einem nicht zu übertrumpfenden perversen, blutrünstigen Stoff gemacht hat. Und die Musik? Nun, pervers, trivial, krankhaft im höchsten Grade. Schon während der Aufführung verließen viele Theaterbesucher, angeekelt durch Handlung und Musik, das Haus. Am Schluß wurde laut gebuht und gepfiffen. [...] [20]

Der Musikkritiker Hermann Unger vermutete – wohl nicht ganz zu Unrecht – hinter diesem Pfeifkonzert, das diesmal nicht wie üblich von der Galerie, sondern von den Logen ausging, einen von langer Hand vorbereiteten Komplott.[21] Immerhin stand damals im Reichstag das sogenannte "Schmutz- und Schundgesetz" zu Debatte, das am 4. Dezember unter dem frischen Eindruck der Kölner Vorfälle mit großer Mehrheit verabschiedet wurde.

Ob wohlwollend oder ablehnend – befriedigt wurde in allen Kritiken vor allem die Sensationslust der Leser: Den meisten Raum nahmen die Beschreibungen der Publikumsreaktionen ein; die Musik und Aspekte der Inszenierung wurden nur am Rande abgehandelt, gleichsam als Begründung für die Publikumsreaktionen.

Die Diffamierung des Wunderbaren Mandarin reichte vom übersteigerten Nationalismus bis zum offenen Antisemitismus. In einem Protestschreiben an die Intendanz des Opernhauses heißt es:

Abonnenten des Opernhauses legen gegen den Spielplan schärfsten Einspruch ein. Wenn Herr Szenkar [Generalmusikdirektor in Köln und Dirigent der Uraufführung; Anm. d. Verf.] als geborener ungarischer Jude nur ausländische Componisten duldet, so kehre er in seine Heimat zurück. Wir sind hier in einer deutschen Stadt und verlangen deutsche Opernwerke.

Die konservativen und klerikalen Kreise in Köln reagierten denn auch prompt. Bevor es zu einer zweiten Aufführung kommen konnte, veranlaßte der damalige Kölner Oberbürgermeister Conrad Adenauer, daß das Stück vom Spielplan abgesetzt wurde. Die Stadtverwaltung und der Theaterausschuß ließen sich von den Protesten jedoch nicht beeindrucken und gaben der Theaterleitung Rückendeckung. Am 22. Dezember 1926 erschien im Kölner Tageblatt folgende Pressenotiz:

Keine Vertrauenskrise bei den städtischen Bühnen
Aus dem Rathaus schreibt man uns:
Ueber die Kölner städtischen Bühnen sind im Zusammenhang mit den Vorgängen, die sich an die Aufführung des Wunderbaren Mandarin im Opernhause knüpften, in einem Teil der auswärtigen Blätter Berichte erschienen, die teils ein schiefes Bild der tatsächlichen Vorkommnisse ergaben, teils auch völlig unrichtig waren. Es erscheint notwendig, die Dinge zurechtzurücken, zumal durch eine falsche Berichterstattung der Ruf unserer Stadt beeinträchtigt werden könnte. Daher sei festgestellt, daß von einer Erschütterung des Vertrauens zu den verantwortlichen Leitern der städtischen Bühnen nicht die Rede sein kann. [...] [22]

Für die damaligen politischen Verhältnisse zweifellos ein mutiges Communiqué! – Bartók selbst war von den Publikumsreaktionen und dem Skandal, den er ausgelöst hatte, überrascht, zumal er die Pantomime nicht als Pornographie, sondern als Parabel des 20. Jahrhunderts hatte verstanden wissen wollen: Wie das Mädchen durch die Großstadt (in Gestalt der Zuhälter) gefühllos geworden ist, so der Mandarin durch seinen Reichtum. Erst wenn der Mandarin (durch seinen Tod) vom irdischen Besitz abläßt, erst wenn das Mädchen ihren Abscheu überwindet und zum Mitleiden und zur Hingabe bereit ist, ist durch den gemeinsamen Tod eine Erlösung möglich. – Die Musik zum Wunderbaren Mandarin hat Bartók zeitlebens für eine seiner besten Kompositionen gehalten. Immer wieder bemühte er sich um Aufführungen gerade dieses Stückes, aber die politischen Zeitläufte sprachen dagegen.

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