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Koch: Musikalisches Lexikon

Gesang

<662> bezeichnet im eigentlichen Sinne des Wortes den Vortrag der Rede in abgemessenen und ihrer Höhe nach bestimmten Tönen, die vermittelst einer besondern Modifikation der Stimme hervorgebracht werden. Oft braucht man das Wort Gesang auch im uneigentlichen Sinne, und verstehet darunter die Tonfolge der Hauptstimme eines Tonstückes, welches für Instrumente gesetzt ist. In diesem Falle sind die Wörter Gesang und Melodie beynahe völlig gleichbedeutend; der Unterschied zwischen beyden bestehet nemlich darinne, daß man mit dem Worte Gesang bloß die Hauptmelodie, mit dem Worte Melodie aber die Tonfolge einer jeden Stimme ohne Ausnahme bezeichnet. Weil von der Melodie überhaupt in einem besondern Artikel gehandelt wird, so betrachten wir hier den Gesang bloß in seiner eigentlichen Bedeutung.

Sprache und Gesang lagen einander ohne Zweifel vor der Ausbildung, in welcher wir sie anjetzt kennen, weit näher, sind ohne Zweifel aus einem gemeinschaftlichen Keime entsprossen, und der jetzt zwischen beyden so merkliche Unterschied entwickelte sich nur nach und nach bey ihrer Ausbildung.

Der Mensch, in seinem ersten noch ganz rohen Zustande, hatte nur zwey Mittel seine Empfindungen auszudrücken, nemlich Geberden <663> und das Vermögen, durch seine Sprachwerkzeuge Empfindungslaute in verschiedenen Modifikationen hervorzubringen. Wie weit es die noch rohe Menschheit in dem Ausdrucke durch Geberden gebracht haben möge, läßt sich nicht bestimmen; wahrscheinlich waren die Geberden anfangs mit den Empfindungslauten genau verbunden, und wurden in der Folge nach und nach in eben dem Grade vernachläßigt, in welchem die Sprache ausgebildet wurde. Dem sey nun, wie ihm wolle, so war es für die noch ganz rohe Menschheit, die nur ganz unmerkliche Fortschritte in der Kultur machen konnte, nothwendig, auf die Empfindungslaute aufmerksam zu seyn, und sie, so viel als möglich war, zu modificiren. Kurz, es mußte wahrscheinlich erst eine Sprache durch Empfindungslaute (sey sie auch so ärmlich gewesen, als sie wolle) entstehen, ehe es dem Menschen einfallen konnte, durch eine gewisse Artikulation derselben auf die Vorstellung seines Mitmenschen zu wirken, und die mit den Empfindungen sich entwickelnden Begehrungs- oder Verabscheuungswünsche zu bezeichnen.

Es ist sehr begreiflich, daß diese Artikulation der Töne sich nur in sehr unmerklichen Fortschritten zu demjenigen bilden konnte, was wir Sprache nennen, und daß daher im Anfange die Empfindungslaute selbst noch bezeichnender seyn mußten, als die damit verbundene Artikulation. Eben so begreiflich ist es auch, daß nach und nach das Charakteristische der Empfindungslaute in eben dem Grade verloren ging, oder vielmehr vernachläßigt wurde, in welchem die Artikulation derselben, oder die Sprache, an Reichthum und Ausbildung zunahm. Das heißt mit andern Worten, diejenige Modifikation des Tones der Stimme, die bey den Empfindungslauten biegsam und anhaltend war, und etwas Bezeichnendes hatte, (und folglich entweder schon dem Tone unseres Gesanges glich, oder doch wenigstens noch ein Mittelding zwischen unserm Sprach- und Singtone war,) wurde mit den Fortschritten der Sprache immer härter und kürzer, und verlor immer mehr ihr <664> Charakteristisches, bis sie endlich bey der allmäligen Ausbildung der Sprache, die nun keines sinnlichen Hülfsmittels mehr bedurfte, in diejenige Modifikation der Stimme überging, die wir den Sprachton nennen.

Alle noch vorhandenen Nachrichten aus dem Alterthume, welche mündliche Ueberlieferungen aus der grauesten Vorzeit enthalten, stimmen darinne überein, daß sich die Menschen sehr früh des Gesanges bedient haben. Der Gesang muß sich daher schon in einem Zeitalter zu entwickeln angefangen haben, in welchem die Sprache noch keinen hohen Grad der Ausbildung hatte, und wo also die Empfindungslaute ihre Charakteristik noch nicht sehr merklich verloren haben konnten. Wahrscheinlich war die erste Spur des Gesanges weiter nichts, als affektvolle Sprache, in welcher sich das noch vorhandene Charakteristische der Empfindungslaute stark auszeichnete, und deren Ausdruck, nach der Gewohnheit des noch sehr sinnlichen und unausgebildeten Menschen, durch körperliche Bewegungen oder Gestikulation, und durch starke Accente, unterstützt wurde. Diese starken Accente in deutlich von einander abstechenden Tönen, und diese körperliche Bewegung oder Gestikulation, (die in der Folge bey dem Gesange in den Tanz überging,) mögen vielleicht die ersten Merkmale desjenigen gewesen seyn, was sich bey der Ausbildung des Gesanges in Tonart und Rhythmus formte. Kurz, Sprache und Gesang lagen einander, als man zu singen anfing, wahrscheinlich so nahe, und die Modifikation der Stimme, die bey der höhern Ausbildung derselben so merklich verschieden wurde, war ohne Zweifel im Anfange so unmerklich, daß man, um auf dieser Stufe der Kultur Sänger und Dichter zugleich zu seyn, weiter nichts bedurfte, als die damals sich noch nach dem Gesange hinneigende Sprache mit einer gleichartigen Folge von Accenten, oder mit den ersten Spuren des Rhythmus, zu verbinden. Daß der Ton selbst bey dem ersten Anfange des Gesanges schon eine genaue Bestimmung der Höhe und Tiefe <665> gehabt habe, ist äußerst unwahrscheinlich; denn wenn die ältesten Völker der Erde, bey welchen der Gesang ausgeübt wurde, schon nach bestimmten Tongrößen gesungen hätten, so würden ohne Zweifel lange nachher die Griechen zu den Zeiten des Pythagoras, nachdem sie schon die Erfahrungen und Kenntnisse der Phönicier und Egyptier zu benutzen angefangen hatten, nicht erst nöthig gehabt haben, sich mit der Anordnung und Berichtigung weniger Tongrößen so ernstlich zu beschäftigen. - Doch alles dieses ist bloß Muthmaßung, und beweißt weiter nichts, als daß es, auf derjenigen Stufe der Kultur, wo die Menschen angefangen haben zu singen, wahrscheinlich keiner besondern Erfindung, keiner Nachahmung des Gesanges der Vögel u.s.w. zur ersten Ausübung des Gesanges bedurft habe.

Es scheint keinem Zweifel mehr unterworfen zu seyn, daß der Gesang bis gegen das zehnte Jahrhundert der Christlichen Zeitrechnung bloß einstimmig ausgeübt worden sey, und daß also, wenn mehrere Personen zugleich gesungen haben, eine und eben dieselbe Melodie von allen, es sey nun im Einklange, oder in der Oktave vorgetragen wurde. Daß bis dahin der Gesang äußerst einfach gewesen seyn müsse, dafür bürgt die Beschaffenheit der damaligen Tonschrift, mit welcher nur die Höhe, aber nicht die Dauer der Töne, bezeichnet werden konnte.

Der Gesang war also, wie schon gesagt, in seiner Entstehung nichts anders, als Bedürfniß oder Drang des Menschen, seine Empfindungen durch leidenschaftliche Töne auszudrücken, welche die Absicht hatten, andere Menschen zu vermögen, an diesen Empfindungen Antheil zu nehmen, oder in ihnen gleiche Empfindungen zu erwecken. Die nemliche Absicht behält der Gesang auch bey seiner Ausbildung, oder als Kunst betrachtet, bey welcher der Ausdruck der Empfindungen nicht unmittelbares Bedürfniß, sondern das Mittel ist, den Geist auf <666> eine angenehme Art zu unterhalten. Aber auch hier kann Ausdruck der Empfindungen nur durch leidenschaftliche Töne hervorgebracht werden, das heißt, durch solche Töne, die so modificirt sind, daß sie eine gewisse bestimmte (aber durch Worte nicht leicht zu erklärende) Uebereinstimmung oder Aehnlichkeit mit der Natur der auszudrückenden Empfindung haben. [FN: Siehe Melodie] Weil nun die menschliche Stimme nicht allein vor allen andern Instrumenten die Eigenschaft vorzüglich besitzt, daß man dadurch dem Tone die besondere Modifikation, welche jede Empfindung erfordert, geben, das ist, durch selbige vorzüglich leidenschaftliche Töne hervorbringen kann, sondern auch zugleich durch die Artikulation der Töne, oder durch die damit verbundenen Wörter auf den Verstand wirken, und die Empfindungen durch Bilder und Begriffe gleichsam unterstützen, und ihre Ursachen und Wirkungen begreiflich machen kann, so ist der Gesang ohne Zweifel der wichtigste Theil der praktischen Musik. Wenn man bedenkt, welche eine nahe Verbindung der Mensch durch die Sprache zwischen dem Verstande und dem Herzen gestiftet hat, so kann man nicht in Abrede seyn, daß die leidenschaftlichen Töne, die ohnehin durch die Organe der menschlichen Stimme treffender, als durch die Instrumente, hervorgebracht werden können, durch die Bilder und Begriffe nothwendig einen merklichen Zuwachs an Wirkung auf unser Empfindungsvermögen gewinnen müssen.

Die Verschiedenheit des besondern Zweckes, wozu der Gesang angewandt wird, hat zu verschiedenen Formen desselben, das ist, zu verschiedenen Behandlungsarten der Melodie und des Textes, Gelegenheit gegeben; das Nothwendigste über die dadurch entstandenen verschiedenen Arten und Gattungen des Gesanges ist in den Artikeln Choral, Figuralmusik, Melismatisch, Syllabisch, Recitativ, Arie und Chor, enthalten. <667> In Hinsicht auf die singenden Personen könnte man den Gesang auch sehr füglich eintheilen, in den natürlichen und künstlichen. Unter dem natürlichen Gesange würde man denjenigen zu verstehen haben, dessen sich jeder Mensch von gesunden Stimmorganen bedient, der solche Gesänge, die er ins Gedächtniß gefaßt hat, vorträgt, ohne sich jemals mit Kunstübungen im Gesange beschäftigt zu haben.

Unter dem künstlichen Gesange hingegen würde die Ausbildung und Vervollkommnung des natürlichen, und zugleich das Vermögen, ihn auch nach Anleitung der Tonschrift auszuüben, zu verstehen seyn.

Zu diesem künstlichen Gesange wird erfordert,

  1. eine gute Stimme, das ist, ein heller, starker und gleicher Ton der Stimme, nebst Biegsamkeit und einem beträchtlichen Umfange derselben. Obgleich diese Erfordernisse mehr ein Geschenk der Natur, als eine Folge der Kunstbildung sind, so ist dennoch nicht zu leugnen, daß diese natürlichen Anlagen durch die Kunst sehr vervollkommnet, und das daran noch Mangelnde verbessert werden könne;

  2. Kenntniß der Noten, und aller der Zeichen die zur Tonschrift gehören;

  3. die Fertigkeit, die Intervallen mit Sicherheit und völlig rein zu intoniren;

  4. richtige Eintheilung der Noten nach ihrem Zeitmaaße; und

  5. deutliche Aussprache der Wörter, und richtige Vereinigung derselben mit den dazu gehörigen Tönen. - Alle diese Erfordernisse betreffen jedoch nur erst den richtigen Gesang, oder den materiellen Theil der Singkunst, ohne welche kein guter Gesang statt finden kann; oder sie sind, mit andern Worten, nur die Mittel, um festen Fußes als Sänger auftreten zu <668> können; ihre Wirkung trift bloß das Ohr, keinesweges aber das Herz. Soll dieses gerührt werden, soll der Gesang Ausdruck der Empfindungen seyn, und wieder auf die Empfindungen Anderer wirken, so muß die künstlich richtig dargestellte Folge der Töne zugleich so modificirt werden, daß sie als leidenschaftliche Töne erscheinen, das heißt, daß sie eine solche Modifikation erhalten, die mit der auszudrückenden Empfindung conform ist, und den an sich todten Tönen gleichsam Leben einhaucht.

    Daher gehört zum Gesange hauptsächlich
  6. der gute Vortrag, oder eine der auszudrückenden Empfindung angemessene Modifikation der Töne, und die Anwendung aller Mittel, wodurch der Ausdruck verstärkt und verschönert werden kann. Der gute Vortrag bestehet in der Vereinigung der Wirkung eines glücklichen Genies und seinen Geschmacks mit den mechanischen Kunstfertigkeiten. Siehe Vortrag.

Der Tonsetzer, der mit glücklichem Erfolge Kunstprodukte für den Gesang bearbeiten will, muß nicht allein in einem gewissen Grade selbst Sänge seyn,1 sondern auch nächst den ihm als Tonsetzer überhaupt nöthigen Kenntnissen, noch besonders Kenner der Sprache und ihrer Prosodie seyn, in welcher er setzt; er muß Kenntnisse der Deklamation, und Vertraulichkeit mit allen Arten der Empfindungen, und mit der Art, wie sie sich in allen ihren Modifikationen zu äußern pflegen, besitzen.

Schriftlichen Unterricht im Gesange findet man in Hillers Anweisung zum musikalisch-richtigen Gesange, Leipz. 1774, in dessen Anweisung zum musikalisch-zierlichen Gesange, Leipzig 1780, und in der Anleitung zur Singkunst aus dem italiänischen des Tosi, mit Erläuterungen und Zusätzen <669> von Joh. Fried. Agricola. Berlin 1757.

Fußnoten:

Fußnote 1 (Sp. 667/668):

Das heißt, er muß, wenn ihm auch die Natur nicht mit einer guten Stimme begabt hat, dennoch alle dem Sänger nöthigen Kenntnisse besitzen.