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Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung Programmmusik

Seestürme und teuflische Gewitternächte

Die frühromantischen Opern-Ouvertüren Freischütz und Fliegender Holländer

(Geschichte der Programmusik – 3. Folge)

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für die Deutsche Welle, Köln ("Transkriptionsdienst")

Sendemanuskript
Musik-Nr.: 01
Komponist: Wolfgang Amadeus Mozart
Werk-Titel: Don Giovanni
Auswahl: Ouvertüre (Anfang) <CD 1, Tr. 1.> 1:58
Interpreten: N.N.
Label: CBS (LC ____)
M3K 35192
<CD 1, Tr. 1.> Gesamt-Zeit: 1:58
Archiv-Nummer: ____

Mit Mozart hat alles angefangen: Ouvertüren, also Vorspiele zu Opern, gab es, seit es das Genre Oper überhaupt gibt. Aber in all den Jahrzehnte und Jahrhunderte von 1607 bis 1787, von Monteverdis Orfeo bis zu Mozarts Don Giovanni waren die Ouvertüren eine musikalischere Form von Klingelzeichen, ein Signalement, daß der verehrte Zuhörer doch bitte schön seine Plätze einzunehmen habe, von nun an mit der Konversation aufhören möge, und daß von nun ab auch Essen und Trinken so dezent vonstatten gehe möge, daß der hungrige Nachbar beim Ohrenschmaus nicht inkommodiert werde. Der Ouvertüre Musikalische Bedeutung beizumessen – das war in den Augen der Barock-Komponisten vergeudete Mühe. Worauf es ankam: lauter zu sein als das Publikum; zeigen, wer nun in den nächsten Stunden das Sagen hatte.

Bis Herrn Mozart dann eine ganz neue Idee kam: Nicht unbedingt laut, aber spannend sollte eine Ouvertüre sein, damit das Publikum nicht nur ruhig ist, sondern spätestens beim zweiten Ton aufhorcht. Und so malte er vor geschlossenem Vorhang mit Tönen zunächst eine gespenstische Nachtstimmung, eben jene bedrohliche Atmosphäre, in der die erste und die letzte Szene des Don Giovanni sich abspielen: die Ermordung des Komturs durch den Frauenheld Don Giovanni und schließlich Don Giovannis Höllenfahrt. Allerdings – dies unterscheidet Mozart von den späteren (romantischen) Komponisten: er deutet nur an; er verrät in der Ouvertüre weder etwas von seinen musikalischen Einfällen noch schildert er in musikalischer Kurzform den genauen Gang der Handlung. Und irgendwann gegen Ende der Ouvertüre klngt es dann doch wieder recht konventionell – Mozartisch zwar, aber lautstark eben, wie Ouvertüren bis dahin zu klingen hatten.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Wolfgang Amadeus Mozart
Werk-Titel: Don Giovanni
Auswahl: Ouvertüre (Ende) <CD 1, Tr. 1.> __:__
Interpreten: N.N.
Label: CBS (LC ____)
M3K 35192
<CD 1, Tr. 1.> Gesamt-Zeit: __:__
Archiv-Nummer: ____

Mozarts Don Giovanni, der 1787 in Prag seine Uraufführung erlebte, war im 19. Jahrhundert Maßstab fast aller Opernkomponisten. So gut wie Don Giovanni sollte es mindestens werden – meistens wurde es dann schlechter.

Mozarts dramaturgischen Ansatz konsequent weitergedacht hat dann Carl Maria von Weber mit seinem Freischütz. Carl Maria von Weber schafft in der Ouvertüre nicht nur Stimmungen, sondern gibt in gleichsam stenographischer Kurzform eine Musikalische Inhaltsangabe der ganzen Geschehens.

Ort der Handlung: eine waldreiche, recht düstere Gegend in Deutschland nach dem Dreißigjährigen Krieg, also um etwa 1650. [T. 1-8] Die Guten: der Jägersbursche Max und seine Verlobte Agathe. [bis T. 24] Der Bösewicht: Kaspar, der seine Seele dem Teufel verschrieben hat, Maxens Kollege und gleichzeitig sein Rivale. [T. 25-36] Vor der Hochzeit am nächsten Tag muß Max einen Probeschuß ablegen; erst dann darf er Agathe ehelichen. Aber Max zweifelt nach mehreren Fehlschüssen in den letzten Tagen am Gelingen. [T. 42-50] Kaspar überredet ihn, mit Hilfe der höllischen Mächte sogenannte "Freikugeln" zu gießen, von denen sechs unfehlbar treffen; die siebente aber gehört dem Teufel. Nächtlich-dramatische Geisterszene beim Kugelgießen in der Wolfsschlucht. Das Schicksal für Max und Agathe scheint besiegelt: Max hat seine Seele dem Bösen verschrieben, und der Teufel wird mit der siebenten Kugel Agathe töten. [T. 50-95] Doch der Himmel beschließt es anders. Die letzte Kugel trifft den Schurken Kaspar; Max und Agathe heiraten. das Ganze schließt freudig. [Schluß]

Der Erfolg der Uraufführung im Jahre 1821 war überwältigend. Wenn man den Berichten Glauben schenken darf, ist das Publikum schon nach der Ouvertüre in Begeisterungsrufe ausgebrochen und hat eine Wiederholung verlangt. Jede Arie wurde beklatscht – nach all den italienischen Opern, deren Text niemand verstand und mit Melodien, die niemand nachsingen konnte, endlich etwas für das einfache deutsche Gemüt: mit Wald- und Wiesenromantik und Jungfernkränzen aus himmelblauer Seide.

Vor allem die nächtlich-dämonische Szenerie der Wolfsschlucht hatte es dem Publikum angetan. Die Szenenanweisungen, die Weber in seine Partitur geschrieben hat, lesen sich wie das Skript zu einem Gruselfilm:

Hundegebell und Wiehern in der Luft; Nebelgestalten von Jägern zu Fuß und zu Roß, Hirsche und Hunde ziehen am Himmel vorüber. Ein Sturm erhebt sich und jagt Funken von Feuer. Ein Wagen mit feurigen Rädern huscht vorüber; am Himmel entladen sich Blitze und Donner; dunkelblaue Flammen schlagen aus der Erde; auf den Bergen zeigen sich Irrlichter; Bäume werden prasselnd aus den Wurzeln gerissen. Von den Felsen schäumt und tobt ein Wasserfall; Gesteinsbrocekn stürzen herab. Wettergeläut von allen Seiten; die Erde scheint zu Wanken.

Eine Herausforderung an die Bühnenmaschinerie, und was Weber nach der Generalprobe in sein Tagebuch notierte, würde auch heute noch jeden Regisseur das fürchten lehren:

Die Generalprobe war alles andere als verheißungsvoll, denn der technische Apparat versagrte vollkommen – vor allem in der Wolfsschlucht-Szene. Die rießenhafte Eule, die mit ihren Flügeln schlagen sollte, konnte den einen nicht von der Stelle bringen; und die leuchtenden Augen sahen aus wie ein Paar klägliche Straßenlaternen. Der Feuerwagen war so schlecht gebaut, daß das Feuerwerk gänzlich ausblieb und ein einzelnes Rad mit allerlei Anhängseln in albernster Weise über die Bühne trudelte. Und die wilde Jagd, die sich schließlich beim Kugelgießen aus dem aufsteigenden Rauch entwickeln sollte, blieb für alle unsichtbar, so daß die ganze Schlußwirkung des teuflischen Chores ohne Wirkung verpuffte.

Nun denn: Es war nur die Generalprobe. Die Aufführung – wie schon gesagt – war nicht nur erfolgreich; der Freischütz prägte für viele Jahre den deutschen Opernstil. Doch davon später. Hier nun die vollständige Ouvertüre.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Carl Maria von Weber
Werk-Titel: Der Freischütz
Auswahl: Ouvertüre <CD 1., Tr. 1.> __:__
Interpreten: N.N.
Label: DGG (LC 0173)
415 432-2
<CD 1., Tr. 1.> Gesamt-Zeit: __:__
Archiv-Nummer: ____

Carl Maria von Webers Freischütz hatte Auswirkungen auf viele der folgenden deutschen Opern. Nicht nur, weil diese Oper zum Inbegriff der sentimentalen Wald- und Wiesenromantik wurde, auch weil Carl Maria von Weber hier etwas gewagt hatte, was keinem Komponisten vor ihm gelungen war: mit der Ouvertüre eine musikalische Inhaltangabe zu präsentieren.

Im Jahre 1839 mußte der 26jährige Kapellmeister Richard Wagner wegen dubioser Geldgeschäfte und betrügerischen Bankrotts vor seinen Gläubigern aus der Ostseestadt Riga fliehen. Zusammen mit seiner Frau Minna und seinem Neufundländer reiste er auf einem kleinen Segelschiff nach London. Die Überfahrt muß strapaziös gewesen sein. Minna Wagner konnte all die Tage ihre Kabine nicht verlassen, und der Herr Kapellmeister, der doch sonst immer sehr couragiert tat, zweifelte, ob er jemals wieder Festland sehen würde.

Die Wagners bekamen Festland unter die Füße, und jene Überfahrt wurde Auslöser für die Komposition des Fliegenden Holländers. Die Idee indes war schon etwas älter, denn die Seemannslegende von dem Geisterschiff und seinem vom Teufel verfluchten Kapitän, der nur von einer liebenden Frau erlöst werden kann, findet sich schon als Erzählung in einer Sammlung des deutschen Dichters Heinrich Heine.

Aus chronischer Geldnot war Wagner in Paris dann zunächst gezwungen, die Textskizze für 500 Francs an einen französischen Komponisten zu verkaufen, was ihn allerdings nicht daran hinderte, 1841 selbst mit dem Komponieren zu beginnen. Was Wagner aus der Erzählung gemacht hat, sprengt fast schon den Rahmen des Genres Oper. Es ist der erste Schritt hin zu seinen späteren großen Musikdramen, der sich hier abzeichnet. Das Orchester malt nicht nur Stimmungen, es begleitet nicht bloß die Sänger, sondern deutet darüber hinaus die Psyche der Personen aus.

Der Gang der Handlung: Dem Kapitän Daland begegnet während einer Gewitternacht an einer fremden Steilküste besagter Fliegender Holländer, der eine Menge Geld dafür bietet, wenn sich nur eine Frau seiner erbarmte. Des Kapitäns Tochter Senta, die in jugendlicher Exaltiertheit immer schon von einer solchen Verbindung geschwärmt hat, ist einverstanden und läßt dafür ihren Verlobten Erik im Stich. Nach einem Jahr soll Hochzeit sein. Kurz bevor es soweit ist, stellt der Ex-Verlobte Erik Senta zur Rede. Der Holländer, der das Gespräch belauscht, glaubt sich verraten und geht zurück aufs Meer. Senta stürzt sich verzweifelt von den Klippen in die Fluten. Der Holländer ist durch die Treue Sentas vom ewigen Herumirren auf den Weltmeeren erlöst – ein Happy End, wie es für wagner typisch ist: Keiner überlebt, aber zumindest ist das Seelenheil dadurch gesichert. – Hier nun die Ouvertüre.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Richard Wagner
Werk-Titel: Der Fliegende Holländer
Auswahl: Ouvertüre <Track 1.> 11:05
Interpreten: xx
Label: Dec (LC ____)
411 951-2
<Track 1.> Gesamt-Zeit: 11:05
Archiv-Nummer: ____