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Wer nicht lesen will, muß hören…

Die literarischen Programme bei Berlioz, Liszt und Strauss und die Einwände des Herrn Hanslick

(Geschichte der Programmusik – 4. Folge)

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für die Deutsche Welle, Köln ("Transkriptionsdienst")

Sendemanuskript
Musik-Nr.: 01
Komponist: Richard Wagner
Werk-Titel: Der fliegende Holländer
Auswahl: Ouvertüre (Anfang) <Track xx.> __:__
Interpreten: xx
Label: Name (LC ____)
Nummer
<Track xx.> Gesamt-Zeit: __:__
Archiv-Nummer: ____

Am Anfang standen die Opernouvertüren: die Ouvertüre zum Freischütz von Carl Maria von Weber oder Wagners Holländer-Ouvertüre – eben jene Kompositionen, die die darauffolgende Oper nicht nur Musikalisch einleiteten, sondern gleichsam in Musikalischer Kurzform eine Inhaltsangabe boten. Das 19. Jahrhundert war ein Jahrhundert der Literatur, der Romane, und auch die meisten Komponisten waren literarisch interessiert. So begannen sie sich Gedanken zu machen, wie man mit Musik nicht nur Gefühle und Stimmungen beschreiben, sondern darüber hinaus einzelne Handlungsabläufe oder ganze Geschichten erzählen kann.

Hatte Beethoven noch über seine Pastoral-Sinfonie geschrieben: "Mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei", damit der Zuhörer die beschreibenden überschriften (das fröhliche Beisammensein der Landleute, Gewitter, Sturm und Regen) nicht allzu wörtlich nahm, so konnten den romantischen Komponisten dioe Programme nicht konkret genug sein.

Den Anfang machte 1830 der französische Komponist Hector Berlioz mit seiner Sinfonie fantastique. Die Komposition erzählt in fünf Sätzen Episoden aus dem Leben eines Künstlers, der sich unsterblich in eine Frau verliebt. Was anfangs ein Traum, eine nur unbestimmte Leidenschaft ist, entwickelt sich immer mehr zur fixen Idee, die von nun an sein ganzes Leben beherrschen wird. Er sucht Ablenkung im gesellschaftlichen Leben, er besucht die großen Bälle, um unter Menschen zu kommen, aber vergebens. Auch in der Natur findet er keinen Frieden. Voller Verzweiflung will er seinem Leben ein Ende machen, aber die Dosis Opium tötet ihn nicht, sondern verschafft ihm nur eine schauerliche Vision: Ihm träumt, er habe seine Geliebte ermordet und werde nun zum Richtplatz geführt. Schließlich begegnet er ihr während des Hexen-Sabbats in der Walpurgisnacht. Aus dem Traumbild ist eine scheußliche Fratze geworden. Die sanfte Melodie vom Anfang, Sinnbild der Geliebten, ist zu einer trivialen, vulgären Tanzweise verkommen.

Diese Geschichte also hat Berlioz versucht, in Töne zu setzen – in Form einer fünfsätzigen Sinfonie. Aber versteht man den Inhalt, den Gang der Handlung, auch wenn das Programm vorher nicht bekannt ist? Wohl kaum! Und Berlioz selbst veranlaßte, daß das literarische Programm vor Beginn der Aufführung an das Publikum verteilt wurde. – Hören Sie hier einen Ausschnitt aus dem letzten Satz der "Sinfonie fantastique", jenen Moment, wenn die Melodie der "idee fixe", eben jener Geliebten, kollidiert mit dem altchristlichen Choral des Dies irae, der bei den Trauerzeremonien der katholischen Kirche gesungen wird. Es spielen die London Classical Players auf historischen Instrumenten; die Leitung hat Roger Norrington.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Hector Berlioz
Werk-Titel: Symphonie fantastique
Auswahl: 5. Satz (Ausschnitt) <Track 5.> __:__
Interpreten: The London Classical Players
Ltg.: Roger Norrington
Label: EMI (LC 0110)
7 49 541-2
<Track 5.> Gesamt-Zeit: __:__
Archiv-Nummer: ____

Berlioz' Sinfonie fantastique rief bei der Uraufführung die unterschiedlichsten Reaktionen hervor. Das Publikum konnte mit der Musik überhaupt nichts anfangen, geschweige denn eine Verbindung herstellen zwischen programmatischem Inhalt und kompositorischer Struktur. Die Musiker-Kollegen indes waren begeistert.

Für Franz Liszt etwa, der sich bislang nur als reisender Klaviervirtuose einen Namen gemacht hatte, war Berlioz' Sinfonie fantastique der Neubeginn einer Musikalischen Epoche. Allerdings erahnte er auch die Probleme eines solchen kompositorischen Ansatzes: Berlioz hatte noch versucht, seinem literarischen Programm die formale Struktur der Sinfonie überzustülpen. Damit aber (so meinte Liszt) sei er an die Grenzen gestoßen, weil Musikalische Struktur und außermusikalischer Inhalt niemals übereinstimmen könnten.

Als Liszt in seiner Weimarer Zeit, also in den Jahren nach 1848, selbst anfing, Orchestermusik zu komponieren, erfand er den Begriff der "sinfonischen Dichtung", um so schon in der Gattungsbezeichnung die Unabhängigkeit von den traditionellen Musikalischen Formschemata deutlich zu machen. Aber auch Liszt kam nicht umhin, den meisten seiner "sinfonischen Dichtungen" Programme beizugeben.

Seine Komposition Mazeppa von 1851 basiert auf den beiden Mazeppa-Dichtungen von Lord Byron und Victor Hugo. Es ist die Geschichte des polnischen Aristokraten Ivan Mazeppa, der im 17. Jahrhundert ein Liebesverhältnis mit der Frau seines Dienstherrn hatte. Als dieses Verhältnis ruchbar wurde, band man man ihn zur Strafe auf ein Pferd und trieb ihn in die Wüste. Der qualvolle Galopp dauerte bis in die Ukraine, wo Kosaken den vor Durst halbtoten Mazeppa fanden. Sie pflegten ihn gesund, und später dann kämpfte Mazeppa an ihrer Seite und wurde ihr Führer gegen die Angriffe des russischen Zaren.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Franz Liszt
Werk-Titel: Mazeppa
Auswahl: __ <CD 1, Tr. 2.> __:__
Interpreten: Gewandhausorchester Leipzig Ltg.: Kurt Masur
Label: EMI (LC 0110)
25 2301-2
<CD 1, Tr. 2.> Gesamt-Zeit: __:__
Archiv-Nummer: ____

Eine ganze Reihe von Komponisten und Musikgelehrten beschäftigte sich im 19. Jahrhundert mit der Frage, wie man außermusikalische Inhalte mit Musik vermitteln könne ohne erläuternde Programmtexte. Es gab allerdings auch Stimmen die solch ein Unterfangen für baren Unsinn hielten. Zu ihnen gehörte auch der Wiener Musikkritiker Eduard Hanslick, der sich vor allem als Gegner Richard Wagners hervorgetan hat und von Wagner in der Figur des Beckmessers verewigt wurde. Hanslick vertrat die Ansicht, daß Musik nichts weiter sei als "tönend bewegte Form", daß Musik keinerlei Inhalte habe, geschweige denn außermusikalische Inhalte vermitteln könne.

Hanslicks Abhandlung über dieses Thema hat viel Zustimmung, aber auch viel Ablehnung gefunden. Und noch zu Beginn dieses Jahrhnderts äußerte der Münchner Komponist Richard Strauss, einem guten Tonsetzer müsse es möglich sein, mit seiner Musik dem Zuhörer ein kühles Glas Bier vorzugaukeln. Allerdings – wer damals auf das musikalische Glas Bier von Herrn Struass gewartet hätte, wäre vor Durst umgekommen. Denn Strauss hat vieles versucht, in Töne umzusetzen; an Getränke hat er sich nicht herangetraut.

1894 komponierte er die Tondichtung Till Eulenspiegels lustige Streiche – nach alter Schelmenweise in Rondoform für großes Orchester. Till Eulenspiegel, das war im späten Mittelalter ein Gaukler, der alles ad absurdum führte und vor allem die Obrigkeit lächerlich machte – eine Gestalt, um die sich im deutschen und niederländischen Sprachraum viele Geschichten und Anekdoten spinnen.

Dem Dirigenten der Uraufführung hat Strauss geschrieben:

Es ist mir unmöglich, ein Programm des Eulenspiegel zu geben. Was ich mir bei den einzelnen Teilen gedacht habe, würde in Worte gekleidet sich oft seltsam geug ausnehmen und vielleicht sogar Anstoß erregen ...

Dennoch finden sich in der Partitur genügend Texthinweise. Es beginnt mit "Es war einmal ...", dann kommen die einzelnen Episoden "Till, der die irdenen Töpfe der Marktweiber zertrümmert", Till als Moralprediger in grauer Mönchskutte, nächtens als Liebhaber und schließlich der letzte Streich: Till Eulenspiegel vor dem Tribunal. Hörner, Posaunen und tiefe Holzbläser intonieren die Anklage, aber Till pfeift unbekümmert sein Thema. Das urteil wird verkündet und schon baumelt der Schelm röchelnd am Galgen. Noch einmal ertönt der Anfangsmotiv, jenes "Es war einmal", und taucht das Geschehene in eine märchenhafte Atmosphäre.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Richard Strauss
Werk-Titel: Till Eulenspiegel
Auswahl: Schluß <Track 10.> __:__
Interpreten: Chicago Symphony Orchestra
Georg Solti
Label: Dec (LC 0171)
414 043-2
<Track 10.> Gesamt-Zeit: __:__
Archiv-Nummer: ____